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Der stumme Protest wirkt im Iran nach

Die iranischen Nationalspieler des WM-Teams in Katar beflügeln die junge Bevölkerung, sie waren schon immer Vorbild für sie. Das Mullah-Regime kann nur zuschauen - vorerst.

 SN/AP

Es war das von vielen Iranern ersehnte Zeichen der Solidarität mit der Protestbewegung in ihrem Land: Mit fest aufeinandergepressten Lippen, die Arme fest auf die Schultern des Nebenmanns gelegt, standen die iranischen Nationalspielers während des Abspielens ihrer Nationalhymne vor dem Spiel gegen England auf dem grünen Rasen von Doha. Dass die iranische Nationalmannschaft während des Abspielens ihrer Hymne stumm bleiben würde, war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Noch vor einer Woche waren die 25 Kaderspieler von Irans Staatspräsident Ibrahim Raisi empfangen worden. Mit huldvoll geneigtem Kopf hatten sie dem Hardliner ein Trikot mit ihren Unterschriften überreicht. Die Empörung unter den iranischen Fußballfans über diesen "Akt der Unterwerfung" war gewaltig. Mit ihrem stummen Protest im Khalifa-Stadion könnten die Fußballer nun die Herzen ihrer Fans zurückerobert haben. Auch nach ihrer 2:6-Niederlage gegen England wurde die Mannschaft frenetisch gefeiert.

Das iranische Regime reagierte auf das Fanal von Doha zunächst mit Schadensbegrenzung: Das Teheraner Staatsfernsehen unterbrach während der Hymne die Übertragung. Trotzdem war nur wenige Minuten später im ganzen Land bekannt, dass die Fußballer nicht gesungen hatten.

Für die Herrschenden in Teheran ist der weltweit kommentierte Protest des "Team Melli" ein GAU. "Ein Milliardenpublikum", betonten Beobachter in Teheran, wisse nun, was im Iran geschehe. Entsprechend groß sei der Imageschaden für das Regime. Dennoch ist ein in Teheran offenbar erwogener Abzug der Mannschaft von dem Turnier von Doha jetzt keine Option. Im Iran würde dann endgültig die Revolution ausbrechen, glauben iranische Twitter-User. "Raisi und seine Clique" hätten keine andere Wahl, als "ohnmächtig vor Wut" weitere Proteste der Spieler hinzunehmen. Ihre Bestrafung wäre erst nach einer Rückkehr in den Iran möglich - vorausgesetzt die Spieler fliegen nach Hause, was keinesfalls sicher ist. Vor allem die Stars der Mannschaft, wie der bei Bayer Leverkusen spielende Sardar Azmoun oder Stürmerstar Mehdi Taremi (FC Porto), hatten sich bereits vor der WM gegen das Regime gestellt. Sie dürften ohne Umweg in den Iran zu ihren Clubs zurückkehren.

Die iranische Protestbewegung wird der Mut des "Team Melli" dagegen beflügeln. Für die sehr junge iranische Bevölkerung waren die Nationalspieler schon immer Vorbilder. Die Proteste gegen das Raisi-Regime gingen auch während des ersten iranischen WM-Spiels am Dienstag weiter. Zentrum der Revolte ist gegenwärtig die Region Kurdistan im Nordwesten des Landes. Dort wurden allein in den vergangenen sechs Tagen über 30 Menschen von Revolutionsgardisten erschossen.


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