Judendorf

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Judenhof Goldegg
Judenhof Goldegg
Judenhof Goldegg
Goldegger Stube aus dem Judenhof
Judendorf Fuscher Tal

Im heutigen Salzburger Land existieren drei Örtlichkeiten mit dem Namen Judendorf , die uns an die Geschichte des Judentums - und damit zusammenhängend – an alte Handelswege erinnern.

Allgemeines

Siedlungen mit der Bezeichnung >Judendorf< liegen durchwegs an alten Handelsrouten, vor allem an Verkehrswegen, die die Alpen überqueren. In ihrer Nähe kam es in späterer Zeit meist zu Stadt- und Marktgründungen. Man nimmt an, dass es sich bei diesen Judendörfern um Niederlassungen jüdischer Kaufleute handelt, die im frühen Mittelalter intensiv am Warenhandel, darunter auch am damals üblichen Sklavenhandel, beteiligt waren. Diese Ansiedlungen liegen durchwegs in rein agrarischer Umgebung.

Judendorf in Tamsweg

Tamsweg ist ein Ortsteil im Westen der Lungauer Marktgemeinde Tamsweg.

Judendorf in Goldegg

Der Judenhof in der Ortschaft March in Goldegg im Pongau ist ein adeliger Ansitz. Er liegt am Übergang von Goldegg nach Goldegg-Weng. Urkundlich wird er erstmals als ein erzbischöfliches Ritterlehen des Konrad Prünlinger im Jahr 1429 genannt: „Ain hof genannt datz Judendorf“. Die Familie Prünlinger, eine Familie niederen ritterlichen Adels, blieb bis zum Aussterben im Mannesstamm im Jahr 1553 im Besitz des Gutes. Nachfolgend hatten das Gut verschiedene Familien im Beamtenadelsstand inne. Im 17. Jahrhundert wurde der „Sitz Judendorf“ Eigentum einer bäuerlichen Familie und damit wandelte sich nach Salzburger Brauch das bisherige Ritterlehen zum Beutellehen. Im 18. Jahrhundert kam die Bezeichnung Judendorf ab und wandelte sich in Judenhof.

Verkehrsanbindung

Der Judenhof gilt aus heutiger Sicht als abgelegen, d. h. als verkehrsfern. Vor 1553, als die Straße zwischen Schwarzach und Lend (damals Hirschfurt) durch das Salzachtal gebaut wurde, führte der Weg in mehreren Strängen über die Terassen von St. Veit im Pongau und Goldegg und damit in nächster Nähe am Judendorf / Judenhof vorbei. Der ursprüngliche Weg verlief weiter nach Embach hinauf, von wo er einerseits flussaufwärts über Taxenbach in das Raurisertal hinein und andererseits weiter in den Pinzgau hinauf führte. Der Weg über das Raurisertal ist die Verbindung zum viel benutzten Saumweg über den Rauriser Tauern, auch Heiligenbluter Tauern genannt. Der Saumweg führte weiter zur Straße über den Plöckenpass. Diese Straße wurde im Mittelalter als „obere Straße“ bezeichnet, die parallel zum Weg über den Radstädter Tauern, „untere Straße“ genannt, eine wichtige Verbindung zwischen Salzburg und Italien - vor allem Friaul und Venedig – war. Die „obere Straße“ teilte sich bei der „Fuscher Wegscheide“ in zwei Stränge. Der Weg über das Seidlwinkltal, das Raurisertal, Embach, Goldegg und St. Veit im Pongau führt über den Pass Lueg nach Salzburg. Der andere Strang geht westlich davon in das Fuscher Tal hinab und weiter über Zell am See und Bad Reichenhall ebenfalls nach Salzburg.

Nahe Märkte und römische Funde

Nicht weit von diesem Judendorf–Judenhof liegt der wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert gegründete Markt St. Veit im Pongau. Noch näher befindet sich das Dorf Goldegg, früher >Goldeggerhof< genannt. Goldegg ist kein Markt, hatte aber als ehemalige Hofmark einen marktähnlichen Charakter. Darüber hinaus liegen mit römischen Funden in Goldegg-Weng im Umkreis des Judendorfes /Judenhofes Hinweise auf die Bedeutung als uralter Verkehrsweg vor.

Judendorf im Fuscher Tal

An dem Wegstrang, der von der Fuscher Wegscheid durch das Fuscher Tal nach Norden Richtung Zell am See und weiter über das Saalachtal nach Salzburg führt, liegt ebenfalls ein Judendorf. Es besteht aus zwei Bauerngütern namens Vorder- und Hinterjudendorf, die früher auch Örtlehen und Vogllehen genannt wurden und liegt im vorderen nördlichen Teil des Fuscher Tales auf dem Westhang, etwa 20 m über der Talsohle. Dieses Judendorf gehört zur Gemeinde Fusch an der Großglocknerstraße und zwar zur sog. Zeller Fusch (Gerichtsbezirk Zell am See). Die frühere Landstraße verlief direkt am Judendorf, während die heutige Straße, die Großglockner Hochalpenstraße, gerade und ohne Steigung am Fuß der kleinen Anhöhe vorbei führt. Die heutige Zufahrt von der Glocknerstraße nach Judendorf ist Teil der ehemaligen Landstraße.

Bei der ersten urkundlichen Erwähnung im erzbischöflichen Urbar „inner Gebirg“ ca. 1350 bestand das Judendorf aus drei Gütern, von denen die zwei oben genannten etwa um die Mitte des 15. Jahrhundert zu einem Gut zusammengelegt wurden. Aus dem Umstand, dass die drei Güter ursprünglich je 100 Stück Käse dienten, was zusammen mit 300 Stück den typischen Dienst einer alpenländischen Schwaige ausmacht, ist zu schließen, dass es sich ursprünglich um ein Gut gehandelt hat.

Verkehrsanbindung

Die Verkehrsanbindung des Fuscher Judendorfes – es liegt direkt an der Tauernstraße, der Nord-Süd-Verbindung, und nahe an der Ost-West-Verbindung – ist noch ins Auge stechender als beim Goldegger Judendorf.

Nahe Märkte und Römische Funde

Der üblicherweise in der Nähe von einem Judendorf liegende Markt ist mit Zell am See gegeben, auch wenn Zell am See im 12. Jahrhundert nicht ausdrücklich als "forum" bezeichnet wird. Die wirtschaftliche Grundlage des Ortes ist aber damals schon der Tauschhandel von Salz mit Friauler Wein. Wie beim Judendorf in Goldegg gibt es auch im nahen Umfeld des Fuscher Judendorf römische Funde. Herausragend ist der Bereich um das Schloss Fischhorn in Bruck an der Großglocknerstraße mit seiner besonderen Lage als Kreuzungspunkt der Verkehrsrouten von West nach Ost und von Nord nach Süd und mit dem dort aufgefundenen römischen Silberschatz. Der ehemalige Landesarchäologe Dr. Fritz Moosleitner schließt daraus, dass es sich bei Fischhorn um eine römische Straßenstation gehandelt haben könnte. Vom Bau der Großglocknerstraße und durch spätere archäologische Untersuchungen wissen wir von einer Römerstraße und damit in Verbindung stehenden Weihefunden im Bereich der Alpenstraße. Ein weiterer herausragender römischer Fund ist der Depotfund mit römischem Tafelgeschirr aus Zell am See.

Einzelhöfe

Als ehemalige Einzelhöfe fallen beide Judendörfer aus dem sonst üblichen Rahmen, weil sog. Einödflurgebiete meist zu jüngeren Siedlungsgebieten gehören. Im Bereich Goldegg und St. Veit im Pongau sind allerdings bereits im 10. Jahrhundert mehrfach alte Meierhöfe nachweisbar, während das Fuscher Tal vermutlich erst in der Epoche nach der im 11. Jahrhundert einsetzenden großen Rodungswelle besiedelt wurde. Für diese Annahme spricht, dass das schmale Tal in der Längsrichtung durch eine politische Grenze zwischen den ehemaligen Landgerichten und späteren Bezirksgerichten Taxenbach und Zell geteilt war. Daher stammt die Bezeichnung >Taxenbacher Fusch< (östliche Talseite) und >Zeller Fusch> (westliche Talseite), die auch heute noch durch den Vorspann T oder Z vor der Hausnummer zum Ausdruck kommt. Ein weiterer Umstand, der auf die spätere Besiedlung deutet ist, dass die „Uusca“ noch um das Jahr 963 als Waldgrenze belegt ist. Darüber hinaus weisen viele Güter im Fuscher Tal von ihrer Funktion her - sie dienten nur Weizen, nicht aber die sonst üblichen Getreidearten Roggen und Hafer – auf die Rodungszeit des 11., bzw. 12. Jahrhunderts einerseits und andererseits, weil es sich bei diesen Gütern um Schwaiggüter handelt. Das bedeutet, dass es sich beim Judendorf im Fuscher Tal entweder um eine relativ junge Gründung handelt, oder dass schon vor der landwirtschaftlichen Nutzung ein einsamer Judenhof am Saumweg stand. Der Zeitpunkt der Gründung ist heute nicht klärbar.

Über das Ende des Judendorfes als solches gibt es die Vermutung, dass möglicherweise die Auflösung der Judenansiedlung als Anlass zur Umwandlung in eine Schwaige genommen wurde.

Zusammenfassung

Mit diesen beiden Judendörfern an der „oberen“ Salzburger Alpenstraße ist das Vorhandensein alter jüdischer Ansiedlungen auch für die westlichste der Haupthandelsrouten, die aus Friaul über die Alpen führten, belegt. Man nimmt an, „dass die Ansiedlung jüdischer Händler in den östlichen Alpenländern von Nordostitalien ausging.“ Das Ende der Judendörfer in einer rein ländlichen Umgebung wurde durch die Entstehung von Märkten und Städten im 12. Und 13. Jahrhundert herbeigeführt. Die Juden zogen einerseits selbst in die Märkte und Städte und andererseits wurden sie durch das Erstarken des „einheimischen Kaufmannsstandes“ aus dem Warenhandel verdrängt.

Weblinks

  • Fuscher Judendorf auf SAGIS
  • Goldegger Judenhof auf SAGIS
  • Tamsweger Judendorf auf SAGIS

Quellen