Wirtschaft

Mit dem Zug ins Skigebiet

Urlauber reisen zumeist mit dem Auto an. Das ist schlecht für die Umwelt, denn der Verkehr verursacht 80 Prozent der Urlauber-Emissionen. In Zell am See-Kaprun soll sich das ändern, indem Gäste verstärkt die Eisenbahn nutzen.

An- und Abreise mit der Bahn schonen das Klima und die Nerven der Urlaubsgäste, die somit entspannt zum Zielort und auf die Piste kommen. SN/sw/deutsche bahn
An- und Abreise mit der Bahn schonen das Klima und die Nerven der Urlaubsgäste, die somit entspannt zum Zielort und auf die Piste kommen.

Klimaschonender Tourismus ist angesagt. Die Region Zell am See-Kaprun wolle diesbezüglich eine Vorzeigeregion werden, betont Sebastian Vitzthum. Er und sein Team entwickelten ein Konzept, das Schritt für Schritt umgesetzt wird. Zentraler Schlüssel ist der Verkehr.

Herr Vitzthum, was streben Sie als Erstes an? Vitzthum: Unser erstes Ziel ist es, möglichst viele Urlaubsgäste in die Bahn zu bringen. In Zell am See haben wir einen großen Vorteil: Der Bahnhof ist mitten in der Stadt, das müssen wir nützen und gute Lösungen anbieten. Das geht großteils ohne Verzicht, aber nicht ohne Verhaltensveränderung, davon bin ich überzeugt. Natürlich muss das Angebot vor Ort stimmen.

Welche Vorteile bietet die Anreise mit dem Zug? Der Urlaub beginnt beim Einsteigen in die Bahn. Ich kann entspannt reisen, mir schon unterwegs die wunderbare Gegend anschauen, lesen, dösen, mit den Kindern spielen. Mit dem Auto ist das oft ein Stress. Etwa wenn du aus Hamburg anfährst, vielleicht bei schlechtem Wetter an einem vollen Reisetag mit Staus, mit der nicht optimalen Winterausrüstung, dann ist auch Gefahr ein Thema. Mit dem Zug fällt das alles weg. Also, der Gast kommt per Bahn zum Skifahren, checkt im Hotel ein, muss sich nicht ums Auto kümmern, das ohnehin in der Regel eine Woche lang nur stehen würde.

Was passiert, wenn der Gast am Bahnhof ankommt? Dort steht bereits ein Shuttle, das ist ein Schlüsselfaktor. Am Mobility Point Bahnhof müssen wir gute Angebote schaffen, daran arbeiten wir gerade. Den Gästen stehen vor Ort Skibusse und künftig auch Car-Sharing-Angebote, E-Scooter und E-Bikes zur Verfügung - noch haben wir nicht alles, aber mit allem wollen wir im Frühjahr starten. So einen Mobility Point soll es auch in Kaprun geben.

Wie transportiert der Gast Ski und Gepäck? Der klassische Gast leiht sich seine Ausrüstung vermehrt vor Ort aus. Er bekommt das neueste Material, muss nichts mitschleppen, nichts zu Hause aufbewahren. Das ist auch deutlich preisgünstiger für jemanden, der nur im Urlaub Ski fährt.

Wie erfährt der Urlauber vom Zug-Angebot? Wenn er das Zimmer bucht, erhält er per E-Mail eine Bestätigung. In dieser E-Mail müssen die Möglichkeiten der Anreise dargestellt sein. Für einen Berliner oder Hamburger ist es ja attraktiv, mit dem Nachtzug nach Zell am See zu fahren. In den Webseiten der Hotels muss an erster Stelle stehen, dass die Anreise mit dem Zug möglich ist - nicht Auto und Flugzeug. Und die Betriebe müssen eigene Angebote schaffen. Es gibt bereits Hotels bei uns, die Bahnreisenden zehn Prozent Rabatt geben.

Was sind die Vorteile für die Hoteliers? Sie ersparen sich Ressourcen, brauchen weniger Parkfläche, haben klimabewusste Gäste im Haus, schärfen ihre Zielgruppe, haben ein Alleinstellungsmerkmal - und es ist absolut zeitgeistig.

Es heißt also informieren und Bewusstsein schaffen? Ja. Unser Team schafft Bewusstsein bei den Hoteliers vor Ort, sie geben die wesentlichen Infos an ihre Gäste weiter. Schwedischen Gästen können sie mitteilen, dass sie mit dem Nachtzug von Stockholm nach Zell am See reisen können. Wir haben eine Kooperation mit Snälltåget, die fahren Freitagabend in Stockholm weg und sind Samstag früh in Zell am See. Es gibt auch Kooperationen mit der Deutschen Bahn, sie betreibt Direktzüge aus Berlin und Hamburg. Schon länger haben wir Kooperationen mit den ÖBB und Direktzügen aus Wien. Die Eisenbahnunternehmen bewerben das auf ihren Webseiten.

Wie viele Urlauber kommen aktuell per Bahn? Der Anteil liegt bei acht Prozent, wir wollen kurzfristig auf etwa zwölf Prozent kommen. Die Zeit arbeitet da für uns, vor allem junge Leute nützen die Bahn verstärkt, teilweise haben sie keine Autos mehr, vor allem solche aus Städten."

Was vom Gesamtkonzept konnte bereits realisiert werden? Bezüglich Infrastruktur recht viel. Es werden schon viele PV-Anlagen und E-Tankstellen gebaut, auch was Heizungen, Wärmepumpen und regionale Produkte anbelangt, passiert aktuell bereits sehr viel. In Kaprun fährt erstmals im Winter ein Elektro-Bus, das ist auch eine Initiative der Gletscherbahnen AG mit Vorstand Norbert Karlsböck und dem ÖBB-Postbus. Im Winter haben wir schon ein sehr gutes Skibusnetz. Grundsätzlich braucht der Urlauber bei uns kein Auto. Er kann alles mit dem Skibus oder mit den Öffis bewältigen.

Was ist Ihre Vision? Die übernehme ich vom Kapruner Bürgermeister Manfred Gaßner. Er sagte bei der KEM-Herbsttagung: "Ich reise mit der Bahn nach Zell am See-Kaprun, vor Ort holt mich das Shuttle ab und bringt mich ins Hotel. Im Hotel habe ich meinen Scooter, mein Fahrrad, mein Elektro-Auto, es gibt keinen Verkehr mehr in der Stadt. Wir schreiben das Jahr 2030." Auch Zells Ortschef Andreas Wimmreuter ist hoch motiviert, die Vorteile der Stadt und des Bahnhofs voll auszuschöpfen. Einiges haben wir schon erreicht und wir sind auf einem guten Weg, die Vision gänzlich Realität werden zu lassen.

„Züge fahren direkt an, aus Berlin, Wien Stockholm und Hamburg.“ Sebastian Vitzthum, SV Consulting SN/klimafonds/krobath
„Züge fahren direkt an, aus Berlin, Wien Stockholm und Hamburg.“ Sebastian Vitzthum, SV Consulting

Daten & Fakten zur Klima- und Energieregion Zell am See-Kaprun

Die beiden Gemeinden Zell am See und Kaprun wurden vom Klima-und Energiefonds mit der Entwicklung einer nachhaltigen Tourismusregion beauftragt.

Umgesetzt werden die Maßnahmen des Drei-Jahres-Projekts von der SV Consulting GmbH von Sebastian Vitzthum. Vitzthum ist ehemaliger Profi-Skiweltmeister und arbeitete lange im ÖSV-Marketing. Er und sein Team beschäftigen sich seit 2010 mit E-Mobilität, gründeten unter anderem die Veranstaltung Ionica.
Mobilität ist der Hauptansatzpunkt, denn 80 Prozent der im Urlaub entstehenden CO2-Emissionen entstehen bei der An- und Abreise mit dem Auto. Dieses soll durch öffentlichen Verkehr und alternative Fahrzeuge ersetzt werden. Bei rund 2,8 Mio. Nächtigungen gibt es einen großen Hebel.

Energieberatung und regionale Produkte sind weitere Kernpunkte ders elf Punkte umfassenden Programms. Auch Einheimische sollen in naher Zukunft nachhaltig mobil sein. Jeder soll seinen Beitrag für eine nachhaltige Region leisten.

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