Wirtschaft

Zerbrechen mit dem Brexit auch die Normen?

Der Brexit könnte auch Zehntausende Normen und Standards zwischen Großbritannien und der EU gefährden. Wie bewertet man die Lage bei der British Standards Institution? Und warum gibt es noch keine genormten Steckdosen?

Das Gefüge europäischer und internationaler Standards könnte durch den Brexit brüchig werden.  SN/adzicnatasa - stock.adobe.com
Das Gefüge europäischer und internationaler Standards könnte durch den Brexit brüchig werden.

Wie wichtig gemeinsame industrielle Standards und Normen sind, hat sich nicht zuletzt bei den langwierigen Verhandlungen um ein transatlantisches Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA gezeigt. Normen und Standards gehören zu den Themen, die viele für langweilig halten mögen, die letztlich aber die konkrete Gestaltung von Gegenständen und Abläufen betreffen - und somit jeden Einzelnen. Laut Elisabeth Stampfl-Blaha, der Chefin des heimischen Normungsinstituts Austrian Standards, werden 90 Prozent der für Österreich relevanten Standards auf internationaler oder EU-Ebene entwickelt.

Keineswegs langweilig findet Scott Steedman Standards. Seine aktuelle Aufgabe beim britischen Normungsinstitut British Standards Institution (BSI) sei die wahrscheinlich aufregendste Funktion seiner Karriere, sagt er im SN-Gespräch. Für zusätzliche Aufregung sorgt hinter den Kulissen auch der Brexit, konkret die Herausforderungen, die der geplante EU-Austritt Großbritanniens für die rund 20.000 gemeinsamen Standards bedeutet. Industriestandards spielen eine Schlüsselrolle in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum wie der EU. Sie betreffen nicht nur das Design bestimmter Produkte, sondern legen auch Richtlinien für gemeinsame Arbeits-, Umwelt- und rechtliche Standards fest.

Analog zum gesamten Brexit-Verhandlungsprozess könnte man sagen, ein ungeregeltes Ausscheiden Großbritanniens aus sämtlichen bestehenden Abkommen über Normen und Standards könnte nicht abzuschätzende Folgen haben.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil Großbritannien traditionell eine treibende Kraft in der europäischen Normungslandschaft ist. Das zeigt sich auch daran, dass BSI in London mehr als 50 europäische Sekretariate bei der europaweiten Normungsorganisation CEN leitet, in Summe stehen 15 Prozent der CEN-Arbeitsgruppen unter britischer Führung. Ein Herausbrechen dieses Landes aus der europäischen Normung könnte dramatische Folgen haben. Vor allem die britische Exportwirtschaft wäre massiv betroffen, wenn schlagartig Zertifikate für britische Produkte ihre Gültigkeit verlören.

Was wird sich mit einem Brexit konkret ändern? Im Idealfall gar nichts. Das ist jedenfalls die Wunschvorstellung von BSI-Direktor Steedman. "Mir fällt kein Bereich ein, wo durch den Brexit bestehende Standards konkret in Gefahr wären", sagt er. Diese Hoffnung begründet er unter anderem mit der hohen Verflechtung bestehender Standards auf internationaler und regionaler Ebene.

Aktuell sind nur 16 Prozent der in Großbritannien geltenden Normen nationale Lösungen "made in Britain". Steedman sieht auch "kein Interesse von irgendjemandem im Vereinigten Königreich, den Status quo, also bestehende EU-Standards, zu kippen, niemand will das" - weder in Großbritannien noch in der EU. Das würde auch der Philosophie dieser Institute zuwiderlaufen. Ziel aller Normierungsbehörden sei ja gerade die möglichst breite Gültigkeit solcher Normen.

Rechtlich ist die Sache weniger klar. Denn die Statuten der großen europäischen Normungsverbände CEN, CENELEC (für Elektrotechnik) und ETSI (für Telekommunikation) sehen den Fall des Ausscheidens eines ihrer Mitglieder durch EU-Austritt gar nicht vor. Wie bei vielen anderen Aspekten bedeutet der Brexit auch hier das Betreten von rechtlichem Neuland.

Um einen ungeregelten Zustand zu verhindern, haben sich die europäischen Normungsinstitute noch etwas mehr Zeit gegeben. Was immer in Sachen EU-Austritt auch passiert: Am Status, dass Großbritannien ein Mitglied der drei europäischen Normierungsverbände ist, wird bis Ende 2020 nicht gerüttelt.

Das bedeutet weder, dass Großbritannien danach ausscheidet noch dass es automatisch in diesem Verbund bleibt. Es bedeutet laut Steedman lediglich, dass man die Statuten überdenkt und Klarheit schafft. Denn die Statuten seien "in manchen Punkten unklar", sagt Steedman. Das Risiko, mit dem Brexit in einen nicht statutenkonformen Zustand zu geraten, "wäre nicht akzeptabel".

Der BSI-Manager ist überzeugt, dass auch im Fall eines Brexit zusammenbleiben soll, was zusammengehört. Das BSI sei ein aktives und vollwertiges Mitglied der europäischen Verbände und habe auch keine Absicht auszuscheiden, bekräftigt er. Das würde auch "schlicht keinen Sinn ergeben".

Wie erklärt Steedman, dass es nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit noch immer keinen Standard für Stromstecker gibt? "Das ist keine Frage von Standards, sondern von politischer Regulierung."

Aufgerufen am 21.10.2019 um 08:52 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/zerbrechen-mit-dem-brexit-auch-die-normen-69467584

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