Die EU und der Euro entstanden durch Visionäre

Wer die Eurozone dauerhaft stabilisieren will, kann die Pläne zu ihrer Vertiefung nicht ignorieren. Auch wenn vieles noch utopisch wirkt.

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Standpunkt Richard Wiens

Ein größeres EU-Budget, ein gemeinsamer Finanzminister für die Eurozone, ein Europäischer Währungsfonds, der in Not geratene Mitgliedsländer stützt -
es sind keine ganz neuen Vorschläge, die uns die EU-Kommission präsentiert. Man kann auf das Papier von Jean-Claude Juncker daher unterschiedlich reagieren. Man kann rasch zur Meinung kommen, dass die Ideen zur Vergemeinschaftung in naher Zukunft keine realistische Chance haben, umgesetzt zu werden, und es zu den Akten legen. Man kann es aber auch anders sehen, als Anstoß für eine Debatte, die Europa braucht. Gerade in einer Zeit, in der Großbritannien die EU verlässt, obwohl die Hälfte der Bevölkerung das nicht will, weil sie die Aussicht auf eine "not so splendid isolation" frösteln lässt, ist es nötig, an einer Vision weiterzuarbeiten. Die hat nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet ein Brite formuliert.

"We must build a kind of United States of Europe", sagte Winston Churchill in seiner berühmt gewordenen Rede 1946 an der Uni Zürich. Ein gemeinsames Europa schien damals unerreichbar, dennoch gelang es vor nunmehr sechzig Jahren mit den Römischen Verträgen, einen ersten Schritt dafür zu setzen. Ohne die 19 Länder umfassende Eurozone mit den bald nur noch 27 EU-Staaten gleichzusetzen, sind die Pläne für ihre Weiterentwicklung wichtig für ganz Europa. Sie sind wichtig, weil sich Europa Herausforderungen gegenübersieht, die weit über das hinausgehen, was ein einzelnes Land bewältigen kann. Besonders eindrucksvoll zeigte sich das an der Flüchtlingswelle, Gleiches gilt für die Bedrohung durch den internationalen Terror. Die Vorschläge sind für die Eurozone wichtig, wenn man das Konzept einer Währungsunion ernst nimmt. Die kann ohne gemeinsame Fiskal- und Wirtschaftspolitik dauerhaft nur unter großen Mühen zusammengehalten werden, wie die Schuldenkrise der vergangenen Jahre eindrücklich zeigte. Und sie funktioniert auch nicht ohne Geldtransfers, die alle so fürchten - die Hilfen für Griechenland, Irland & Co. waren aber nichts anderes. Deshalb wäre die Umsetzung der Kommissionsvorschläge nur konsequent. Die Debatte darüber ist eröffnet, da kommt hoffentlich noch die eine oder andere gute Idee dazu.

Der kühne Blick in die Zukunft der Eurozone ist aber auch ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass es immer wieder den Vorstoß von Politikern braucht, die eine Vision entwerfen, auch wenn ihre Realisierung in weiter Ferne zu sein scheint. Die Reformpläne für die Eurozone wären aber auch ein guter Anlass, ein Europa anzustreben, das am Ende nicht nur durch das gemeinsame Geld zusammengehalten wird.

Sondern ein Europa, in dem all das gemeinschaftlich erledigt wird, wo die Bündelung der Kräfte zur Stärke wird. Und eines, in dem man dafür den Nationalstaaten das überlässt, wo sie besser wissen, was die Bürger wollen und ihnen zuzumuten ist.

Aufgerufen am 13.12.2017 um 08:08 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/die-eu-und-der-euro-entstanden-durch-visionaere-21407029

Kommentare

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