Wenn echte Herrscher Verschwörungstheoretiker bestätigen

Thomas Morus, Utopia, 1516: Warum überfallen Herrscher andere Länder, statt die eigenen zu entwickeln?

Autorenbild
Barazon | Nationale und internationale Politik und Wirtschaft Ronald Barazon

Unter Verschwörungstheoretikern ist eine These besonders beliebt: Dreihundert Personen würden in Wahrheit die Welt beherrschen. Und zwar genau 300. Stirbt einer der Mächtigen, rückt einer nach - oder eine? Vielleicht. Die fantastischen Welten sind aber eher männlich dominiert.

Es mag schon sein, dass 300 Personen, es sind bestimmt weit mehr, sich für die Beherrscher der Welt halten. Angesichts des weltweit herrschenden Chaos ist aber offenkundig, dass sie nicht besonders tüchtig sind. Eingeweihte, erleuchtete Verschwörungstheoretiker geben nicht leicht auf und erklären, dass die geheimen Mächtigen das Chaos produzieren, um die Macht zu übernehmen. Womit aber eingestanden wird, dass die 300 nicht die Welt regieren, sondern dies erst anstreben.

Man darf allerdings nicht glauben, dass dieses Thema nur Agentenfilme und Computerspiele beschäftigt. Zur Eröffnung des G20-Gipfels in Hangzhou erklärte am vergangenen Sonntag der chinesische Präsident Xi Jinping, man möge doch aus diesem "Plauderklub" eine Einrichtung machen, die effektiv Beschlüsse fassen kann, die das Weltgeschehen bestimmen. Der tatsächlich mächtigste Mann Chinas, nicht eine martialische Figur aus dem Internet, träumt von einer Weltregierung.

Die Aussage ist schon erschreckend genug, wenn man bedenkt, dass unter Xis Führung die KP Chinas sich zur "volksdemokratischen Diktatur" bekennt. Das Zitat stammt aus einer im offiziellen Pressedienst veröffentlichen Übersetzung des 2012 erneuerten Parteiprogramms. Nun weiß auch der chinesische Präsident, dass er nicht oder jedenfalls nicht sofort die Welt beherrschen kann. Also sollten die 20 Mächtigen, die die G20-Gruppe vertreten, zu einer Art kollektiver Weltregierung werden.

Das klingt zwar freundlicher als eine kommunistische Diktatur, ist aber ebenfalls nicht überzeugend. Eine derartige Konstruktion wird in der EU seit Langem praktiziert und erweist sich als außerordentlich unproduktiv: In der EU sind es mittlerweile 28 Regierungschefs, die sich alle für mächtig halten, daher einander nach Kräften behindern und Europa lähmen.

Die Sucht, andere unterdrücken zu wollen, ist offenkundig ein elementarer Charakterzug des Menschen, der auch im Alltag zu beobachten ist, wenn jemand Vorarbeiter oder Abteilungsleiterin wird. Wenn allerdings ein Homo mehr oder weniger sapiens in eine politische Funktion gerät, so droht vollends der Ausbruch napoleonischer Ambitionen.

Man sollte Agentenfilme, Computerspiele und Verschwörungstheorien ernst nehmen und auf der Hut sein. Es sind nur künstlerisch verbrämte Darstellungen krauser Träume der ganz und gar nicht geheimen Mächtigen.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 05:50 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/wenn-echte-herrscher-verschwoerungstheoretiker-bestaetigen-1086595

Schlagzeilen