Nackt kann man sich auch mit dem Handy machen

Das Display eines Smartphones sollte zur Intimzone erklärt werden.

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Bits und Bites Thomas Hofbauer
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Neulich in der Umkleide des Fitnessstudios: Ein Mann steht, nur mit einem Handtuch in der Hand, plötzlich und völlig unerwartet einem Freund gegenüber. Der war zuerst etwas irritiert, freute sich dann aber so sehr über das Wiedersehen, dass er kurz davor war, den Mann zu umarmen. Dazu hätte der aber sein Handtuch fallen lassen müssen. Die komplette Blöße wollte er sich aber nicht geben.

Plötzlich nackt kann man sich aber auch in anderen Situationen fühlen. In einer kleinen Runde summte mein Smartphone und zeigte eine Kurznachricht an. Statt diskret wegzusehen, starrte mein Sitznachbar unumwunden auf das Display meines Handys. Dem nicht genug, ließ er mich dann auch noch mit einem vielsagenden Blick wissen, dass er die Nachricht gelesen und deren Brisanz verstanden hat.

Wenn man aus der Dusche steigt, ist die Wahrung des Intimbereichs selbstverständlich. Doch auch elektronische Geräte wie das Smartphone, über die wir unsere persönliche Kommunikation abwickeln, gehören in die persönliche Schutzzone. Früher, als ein Telefon nur ein Telefon war, konnte man noch einen sicheren Ort aufsuchen, bevor einem Unerhörtes ins Ohr gesprochen wurde. Heute tauchen die vertraulichsten Nachrichten in den ungewöhnlichsten Situationen auf Computern, Handys und neuerdings auch auf Uhren auf. An eine "For Your Eyes Only"-Funktion, die erkennt, ob auch wirklich der gewünschte Empfänger die Nachricht auf dem Bildschirm anschaut, hat noch keiner gedacht. Bis sie erfunden ist, sollte für Smartphones dasselbe gelten wie für Menschen, die aus der Dusche kommen: Etwas "wegschauen" ist unerwünscht.

Weil ich die Szene nicht vergessen kann, nehme ich nach dem Sport zum Duschen jetzt immer ein großes Handtuch mit. Es könnte ja sein, dass einer meiner Bekannten plötzlich auftaucht und mir zu nahe treten will. Dann kann ich mir das Tuch umbinden und hab beide Hände frei, um mich zu verteidigen - oder ihn gebührend zu begrüßen. Und für mein Smartphone besorge ich demnächst eine Blick-Schutz-Hülle.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 06:19 auf https://www.sn.at/kolumne/bits-und-bites/nackt-kann-man-sich-auch-mit-dem-handy-machen-924901

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