Von nackten Fingern und geheimen Passwörtern

Mit Codes, PIN und Passwörtern geht man so lang unbefangen um, bis man selbst in die Falle geht.

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Bits und Bites Thomas Hofbauer
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Konzentriert wischt die Jüngste auf meinem Smartphone herum. Plötzlich quäkt ganz laut die Titelmelodie einer Fernsehserie aus dem Lautsprecher. "Was machst du da?", frage ich, vom Lärm irritiert. Und gleich darauf schaue ich noch viel verdutzter. Da sitzt meine Tochter und sieht auf meinem Handy YouTube-
Videos an. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, doch das Handy hat sie dieses Mal selbst entsperrt. "Ich kenne die Zahlen", meint sie vielsagend. Aber woher? Ich hab ihr den Code nicht verraten. Oder doch? "Nein, den fürs Handy nicht", sagt sie, "aber es sind die gleichen Zahlen wie die von der Garage." Dort
ist ein elektronisches Codeschloss installiert, damit jeder sofort zu seinem Fahrrad kommt, ohne umständlich einen Schlüssel suchen zu müssen. Sie habe diese Zahlen auf meinem Handy einfach ausprobiert und es habe funktioniert. Ich muss den Zugangscode für mein Handy sofort ändern!

Die Geschichte erinnert mich an den Datendiebstahl beim Online-Speicherdienst Dropbox, der unlängst bekannt wurde. Im Jahr 2012 hat man dort höchstwahrscheinlich mehr als 68 Millionen Passwörter samt Benutzer-E-Mail-Adressen gestohlen. Doch ist der Umstand, dass Zugangsdaten vor vielen Jahren gestohlen wurden und jetzt auftauchen, nicht vollkommen egal? Auf keinen Fall, denn viele Internetnutzer neigen dazu, ein und dasselbe Passwort bei allen möglichen Gelegenheiten zu benutzen. Auch wenn Dropbox sofort die Passwörter für verfallen erklärt hat, bei Facebook, GMail, auf Buchungsplattformen und beim Online-Banking sind sie weiter im Einsatz. Die Dunkelziffer der möglichen Angriffspunkte ist damit riesig. Auf diese Weise können öffentlich gewordene Nutzerdaten auch nach vielen Jahren immer noch zu einer großen Gefahr werden. Vielen dürfte das zumindest bewusst sein. Denn unlängst hat eine Studie gezeigt, dass drei Viertel der Deutschen lieber mit ihrem Fingerabdruck Bankgeschäfte abschließen würden als mit PIN und TAN.

Ich lass der kleinen Hackerin inzwischen die Freude, Papas iPhone aufgesperrt zu haben. (Als Hacker werden ja jene Menschen bezeichnet, die uns in guter Absicht auf Schwachstellen aufmerksam machen - die Bösen nennt man Cracker.) Die Eingabe eines Codes ist sowieso bald passé. Schon beim aktuellen Update des iPhones setzt man auf den Fingerabdruck als zentralen Schlüssel für das Gerät. Der Finger wird PIN und TAN sicher bald ersetzen. Nur eines möchte ich für diesen Zeitpunkt gleich festhalten: Meinen Finger gebe ich von da an nicht mehr her. Denn wie heißt es so schön: Der eine gibt den kleinen Finger, der andere bekommt die ganze Handhabe - oder so ähnlich.

Aufgerufen am 18.09.2018 um 04:06 auf https://www.sn.at/kolumne/bits-und-bites/von-nackten-fingern-und-geheimen-passwoertern-1041346

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