Die Nacht, in der ich ein Nazi war

In der Steingasse stehen an einem heißen Sommerabend ein paar in Nazi-Uniformen und schreien grausige Parolen. Und ich bin mittendrin.

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Blog Bernhard Flieher
Dreharbeiten in der Steingasse. SN/bernhard flieher
Dreharbeiten in der Steingasse.

Alle, die da sind in der Steingasse, sind keine Schauspieler, sondern Laiendarsteller und Statisten. Und ein älterer Mann geht vorbei und sagt: "Seid's auch schon da?"

Vor dem Mann stehen ein paar Buben, strenge Scheitel, Lederhose, weißes Hemd. Daneben stehen zwei Jugendliche in SA-Uniformen und ein paar ältere Männer in alten Anzügen und um den Arm eine Hakenkreuzbinde. Seid's auch da?! "Ein Film, nur ein Film", sagt einer der Buben. Der Mann geht weiter. Eine Hakenkreuzfahne hängt vor einem Hauseingang. An den brüchigen Wänden eines alten, nicht renovierten Hauses hängen Plakate. Hitler ist darauf zu sehen. Und es steht drauf: "Das ganze Volk sagt Ja am 10. April". Ein italienischer Tourist bleibt stehen, greift nach seiner Kamera, knipst die Plakate. Er sieht die beiden Burschen in den Uniformen. Er möchte gern ein Bild machen mit den SA-lern und mit seinen Kindern. Er wundert sich, dass nur er das will und sonst niemand. "Es ist ein Film", sagt der Regisseur.
Seine Worte klingen mehr nach Aufmunterung für die Laiendarsteller und Statisten, als nach einer bloßen Feststellung. Nur. Ein. Film. Und ich bin dabei als Statist. Ich schlüpfe in den alten, viel zu weiten Anzug. Ich setze den Hut auf. Und dann kommt Judith und legt mir eine Hakenkreuzbinde um den linken Arm. Gibt es andere Symbole, die auch nur annährend solchen Ekel erregen? Die mehr für den Untergang zivilisatorischer Ideen stehen? Gibt es ein anderes Symbol, gegen das ich mehr argumentiert hätte in meinem Leben? "Die Binde rutscht ein bisserl", sage ich. Judith fingert eine Sicherheitsnadel aus der Hosentasche. Beim Film scheint immer alles da zu sein. Die Nadel ist schwer durch den dicken Stoff der Binde zu bekommen. Judith kämpft mit der Binde, durchsticht sie und dann rutscht die Binde nicht mehr. Aber die Bilder im Kopf fangen zu rutschen an. Was mache ich da? Spielen? Der Erwin war schon öfter Statist. Jetzt sagt er: "Unheimlich." Und einer der Burschen in den SA-Uniformen sagt: "Ich hab das Gefühl, dass sich mein Gang verändert."
"1938 - Hitlerjugend und Bücherverbrennung" heißt der Film. Ein Bildungsfilm mit Doku-Drama-Szene für Schule, gedreht von FS1, dem Freien Fernsehen Salzburg, gefördert von öffentliche Stellen. Keine Propaganda, sondern Fakten.

Aber das hilft jetzt nichts, wenn die Binde am Arm ist und wenn wir der Mob sein sollen, der durch die Steingasse zieht, hinter den SA-Spielern nach mit Fackeln in der Hand. "Ihr müsst was schreien", sagt der Regisseur. Was schreit man da, wenn man imaginär auf eine Synagoge zumarschiert, aggressiv, wutentbrannt, zu allem bereit? "Ein Volk, ein Reich, ein Führer"? "Jude verrecke?" "Saujud?" Genau das werde ich dann schreien. Und während ich schreie, fürchte ich mich. Dass ich es wirklich schaffe, das zu schreien?! Dass es jemand hören könnte?! Dass es jemandem gefallen könnte?!

Ein paar Minuten waren's noch bis zum Dreh der Szene. Wir standen noch weit von den Kameras entfernt, nicht erkennbar als Komparsen, nur ein paar Typen, die in der Steingasse herumstehen. "Seid's ihr narrisch, was habt's ihr denn da an?!", sagt ein Frau. Sie schiebt einen Kinderwagen. Ihre Stimme klingt empört. Sie schüttelt den Kopf "Nur ein Film. Ein Film", sagen wir ganz hastig und alle gleichzeitig. "Na, Gott sei Dank" sagt die Frau. Dann drehen wir. Wir schreien. Wir marschieren. Die Fackeln werfen unheimliche Schatten in der Gasse. Wir drehen. Und es dreht sich der Magen um. "Scary", sagt eine junge Amerikanerin, die auf ihrem Spaziergang durch die Gasse warten muss, bis wir fertig sind, bevor die Kostüme wieder in den Schachteln und Sackerln der Kostümausgabe liegen. Bevor sich das verschwitzte, vernudelte eigene T-Shirt besser anfühlt als es das je zuvor getan hat.

Aufgerufen am 11.12.2018 um 11:45 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/die-nacht-in-der-ich-ein-nazi-war-38902201

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