Mamma Mia: Meryl Streep soll Buhlschaft werden

Die Festspiele beginnen im Kino. Dort keimt der Gedanke, Meryl Streep wäre eine perfekte Buhlschaft.

Autorenbild
Spielplan23/07 Bernhard Flieher
Meryl Streep SN/AP
Meryl Streep

Sie taucht nur kurz auf, die Meryl Streep. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum sie eine lässige Besetzung wäre für die Buhlschaft. Die hat im "Jedermann" auf dem Domplatz ja auch 50 Zeilen zu sagen. Meryl Streep wäre ideal für die Salzburger Weltfestspiele. Streep ist schauspielerisch locker auf der Höhe von mindestens der Hälfte der bisherigen Buhlschaften. Und Streep ist noch weltberühmter als die Festspiele. Da tät die Werbetrommel von allein zum Hämmern beginnen. Es zählt nämlich nicht, ob die Himmelfahrtsshow (sowieso) ausverkauft ist. Es komme darauf an, wie oft der "Jedermann" überbucht sei, sagte Rekord-Jedermann Peter Simonischek einmal.

Just am Wochenende, da am Salzburger Domplatz Jedermann wieder zum Sterben anfing, lief im Kino "Mamma Mia - Here We Go Again" in den Kinos an. Und da spielt unter anderem Meryl Streep mit.

"Mamma Mia" - das war schon beim ersten Mal vor zehn Jahren eine recht hübsch mit Schwung umgesetzte Idee. Um weltberühmte Songs des schwedischen Popwunder-Quartetts Abba, wurde eine Story gebastelt. Die ist wurscht, rührselig, glitzernd, voller Sehnsucht. Vor allem aber ist ihr Ausgang vorhersehbar. Das hat das Aufleben ewiger Pophits mit dem jährlichen "Jedermann" und überhaupt mit dem Theater gleich.

Romeo und Julia? Tot. Macbeth? Irre. Carmen? Anhabig. Kann man alles nachlesen, bevor man's schaut. Man weiß, was man bekommt. "Knowing me, knowing you/It's the best I can do." Und bis dahin gibt es neue Versionen und Deutungen und Regieeinfälle. Und bekommt man nicht, was man ahnt oder weiß oder haben will, regen sich gleich Leute auf. Oder gehen nicht hin.

Es funktioniert das System der Hitmaschine "Mamma Mia" genauso wie die Versmaschine "Jedermann". "Memories, good days, bad days They'll be with me always", singen Abba. Es wird in diesen Fällen aus einem kollektiven Gedächtnis geschöpft, aus einer Kulturgeschichte, deren Bedeutung nicht auf eine elitäre Kerngruppe von Theater- oder Popinteressierten beschränkt ist. Stattdessen können alle auswendig mitreden (Im Kino bekommt man im Gegensatz zu "Jedermann" allerdings leichter Karten).

Die Qualität liegt bei beiden Shows nicht in Innovation oder ästhetischer Herausforderung oder gar in einer Umdeutung. Sie liegt - so schlicht wie einfach - mit etwas Glück in hinreißenden Coverversionen. Gestillt wird nicht eine Lust am Neuen, sondern die unvergängliche Lust, sich dem Bekannten hinzugeben, einen Moment auszukosten, wie es die Dancing Queen tut: "Night is young and the music's high."

Da beherrscht seit geraumer Zeit ja ein erstaunlicher Gewöhnungseffekt die Konsumwelt, die immer und jederzeit ihre guten, alten Werke anpreist und Erlösung durch bestens erprobte Verfahren verspricht. Die meisten Menschen können von dem, was sie bestens kennen, gar nicht genug bekommen. Das ist bequem. Das weckt meist angenehme Erinnerungen - und sollte es schlechte geben werden die weggesperrt oder auf den Haus-Psychologen losgelassen. Erlösung von Sorgen funktioniert ja nur, wenn man sich nicht gleich wieder neue Sorgen machen muss. Also sieht und hört und kauft gern das Gewohnte, weil das Andere, das Fremde erzeugt ja doch bloß Ungewissheit, womöglich Sorgen und Ängste.

Darum lässt sich mit etwa zwei, drei Dutzend Songs von Abba aus den 1970er Jahren völlig altersunabhängig auf jeder Party Stimmung machen. Und darum funktioniert der Hofmannsthal auf dem Domplatz auch nach 98 Jahren immer noch als erträgliche Unterhaltungs- und einträgliche Einnahmemaschine. "Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr/Steht stattlich da, vornehm und reich/Kommt in der Stadt kein andres gleich", sagt Jedermann. Abba singen: "Money, money, money/Must be funny."

Wer genauer hinhört, kann freilich in beiden Fällen die Engel singen hören von "losers standing small", von "bittrem Leid" und "Raserei in allen Sinnen", von existenziellen Fragen also, von Leben, die an ihre Grenzen stoßen (oder denen solche Grenzen gebaut werden). Und dann ist der Unterschied nicht mehr groß zwischen "Here's to us one more toast and then we'll pay the bill" aus Abbas "When All Is Said And Done" und dem Jedermann-Satz "Ich muss dort eine Rechnung legen". Und statt der katholischen Bekenntnisformel vor dem Dom, lässt sich für jene, die an ein "something good in everything I see" glauben wollen, die Hofmannsthal'sche "Vater Unser"-Predigt einfach ersetzen mit "I Have A Dream". Und singen soll - wie in "Mamma mia" - Meryl Streep.

Aufgerufen am 28.11.2021 um 07:09 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/mamma-mia-meryl-streep-soll-buhlschaft-werden-36778114

Kommentare

Schlagzeilen