Vom Glück, Glück zu treffen

Kuratorentexte und Theorie sind die Totengräber des reinen Glücks an der Kunst.

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Spielplan 02/08 Bernhard Flieher
 SN/galerie frey

Der Salzburger Galerist Peter Frey rief vor ein paar Jahren einmal in der Redaktion an. Ich kannte ihn nicht. Er beharrte in dem Gespräch darauf, dass ein Konzert von U2, das wir beide gesehen hatten, überhaupt nicht so schlecht gewesen sei, wie ich darüber geschrieben hatte. Es war ein freundliches Gespräch. Keine dieser Hassposting-Dreschereien, kein Wutbürger-Geplärr, das einen sonst oft erreicht, wenn einer anderer Meinung ist, etwas anderes gefühlt hat. Es war ein Gespräch der Argumente - und jeder hatte recht auf seine Weise. Das ist, wo Kunst nicht bloß theoretisierend, sondern eher literarisch, reportagenhaft und also auch mit Seele wahrgenommen wird, häufig der Fall. Seit ein paar Tagen geht es mir so mit "Penthesilea" im Landestheater. Da jubeln die einen über die Reduktion von Regisseur Johan Simons und die fast schmerzhafte Anstrengung der beiden Schauspieler. Und die anderen sagen, dass eben diese Reduktion am Kleist vorbeigehe und überhaupt die Bühne kein Sportplatz sein soll. Stimmt. Stimmt nicht, stimmt. Stimmt nicht. Gehen Sie über eine Blumenwiesen, pflücken sie eine Margarite und spielen Sie dann das alte Spiel: "Er/Sie liebt mich." "Er/Sie liebt mich nicht". Alles wird gut. Sie werden irgendeiner so genannten Wahrheit nahekommen.

Nun rief der Galerist Peter Frey wieder an. U2 hatte uns irgendwie verbunden. Seine Galerie vertrete in Salzburg Anselm Glück, sagte er. Anselm Glück nahm ich eher als Wortakrobaten wahr, denn als Maler. Bilder schaue ich meistens nur verdutzt an. Worte sagen mir immer etwas. Dieser Glück, so Frey, sei jedenfalls ein großer Zappa-Fan, und so könne er sich gut vorstellen, dass wir da eine Gesprächsbasis hätten für ein Interview. Nun haben Zappa und U2-Bono nichts miteinander zu tun, außer dass sich über die Kunst beider wirklich trefflich diskutieren lässt. Aber das schien durchaus eine gute Ausgangsposition zu sein. So öffnete Zappa, wie nach den ersten paar Sätzen klar war, also die Tür zu einem zurückhaltenden Künstler, zu einem stillen Mann, zu einem Seltenen, für den - so stellte sich schnell heraus -, ein Interview kein Werbemittel ist, keine Routine, not part of the job wie bei so vielen anderen. Für Glück ist ein Interview eine Außergewöhnlichkeit, in der Momente der Offenheit und also auch der Verletzlichkeit entstehen.

Glück erzählte dann in einem kleinen Cafe im Nonntal, ganz am Rand des Festspieltrubels, davon, wie seine Kunst entstehe. Vor zufällig beschmierten Leinwänden steht er. Die Schlieren und Tupfer, die Striche und Flecken, die Patzer und das Geschmiere auf diesen Leinwänden wachsen quasi als Abfallprodukt anderer Bilder, die er fertigstellt. Er steht oder sitzt dann vor diesen Leinwänden, um etwas zu entdecken. Und Glück erzählte dann, dass es diese Art der Entdeckung in seinem Leben seit seiner Kindheit gibt. Da schaute er immer auf einen alten Holzkasten. In der Maserung des Holzes habe er immer wieder neue Formen erkannt, neue Geschichten gelesen.

Als Kunst-Dilettant bin ich sehr sicher, dass das irgendetwas Tiefsinniges, im Unterbewussten Siedelndes bedeuten könnte, und bestimmt würde es leicht sein, einen Kenner zu finden, eine Expertin, die dieser reinen - und ich denke wohl glücklichen - Tat eine Theorie verpassen könnte. Das passierte auch bei Zappa. Und der hat dann mit den Schultern gezuckt. Wahrscheinlich ließ sich alles, was Glück macht, ästhetisch und methodisch und psychologisch und erst recht kunsthistorisch deuten. Und es ließen sich dann daraus ganz bestimmt hochgestochene Kuratoren-Katalogtexte in einer fremden Sprache machen, Kritiken, die jedes Gefühl töten, aber tausend Pluspunkte im Inner Circle der Gelehrtenwelt brächten. Glück sieht anders aus.

Die wahllos entstandenen Muster auf den Leinwänden seien also wie die Maserung des Kastens. Immer neue Ansichten. Immer neue Geschichten. Nie dasselbe. Nicht zu erklären, bloß zum Staunen, darüber, was das Hirn so ausrichten kann. Und während ich das hier schreibe fällt mir zum ersten Mal auf, dass der hölzerne Tisch unter dem Laptop zu leben beginnt, weil er nicht von Ikea ist, sondern vom Flohmarkt.

Aufgerufen am 30.11.2021 um 11:44 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/vom-glueck-glueck-zu-treffen-37212664

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