"Oktoberfest 1900": München, wie es liebt und kracht

Zu viel Pathos, zu wenig Authentizität: Die "Event-Serie" der ARD will viel, wird auch kommerziellen Erfolg einfahren, bleibt aber dennoch unter den Erwartungen.

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Durchgeschaut Martin Behr
Rückblick in der Serie: Der junge Curt Prank (Daniel Pekarek) mit seiner Zuckerwatte erschrickt vor dem Riesen (Miroslav Navratil) auf dem Oktoberfest 1861 SN/ard degeto/mdr/wdr/zeitsprung pictures gmbh
Rückblick in der Serie: Der junge Curt Prank (Daniel Pekarek) mit seiner Zuckerwatte erschrickt vor dem Riesen (Miroslav Navratil) auf dem Oktoberfest 1861

Man hätte schon bei der von der ARD mitgelieferten Beschreibung des Prestigeprojekts hellhörig werden müssen. "Event-Serie" heißt es da in allen Werbematerialien von "Oktoberfest 1900". Ein Begriff aus Sport, Tourismus, Lifestyle und Werbung wird da vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen benutzt, um etwas zu vermarkten, was offensichtlich als Quotenerfolg programmiert worden ist. Opulent und bilderfokussiert wird der Kampf zweier Bierdynastien um die Vormachtstellung auf dem größten Volksfest der Welt erzählt. Die Weißwurstmetropole ist Schauplatz für einen Stoff, der - so die Selbstbeschreibung - "einen modernen Mythos über schicksalhafte Liebe und den unaufhaltsamen Aufstieg des Kapitalismus" erzählt. Man könnte es auch knapper, im Sinne eines Events, anders formulieren: München bleibt München, wie es liebt und kracht.

Intrigen, Sex und Morde aus dem Süden

Kein Oktoberfest in der traurigen Coronavirus-Realität, da tut es für manche gut, wenigstens via Bildschirm Wiesn-Atmosphäre miterleben zu können. "Oktoberfest 1900" kommt zur richtigen Zeit und ist freilich klug konzipiert. Nach dem Welterfolg von "Babylon Berlin" wird nachgelegt aus deutschen Landen, Intrigen, Sex, Machtkämpfe und Morde gibt es schließlich auch im Süden des Landes, der in "Oktoberfest 1900" an einen wilden Westen erinnert. Die zwischen Brauerei und Vergnügungsbetrieben angesiedelte blutige Familiensaga wäre ein klassischer Dreiteiler (etwa für die Weihnachtszeit), ist nun aber zur sechsteiligen Miniserie ausgeweitet. Macht man heute eben so.

Der Nürnberger Großbauer und Gastronom Curt Prank (Mišel Maticevic) plant gemeinsam mit einem Handlanger die Errichtung einer "Bierburg" für 6000 Gäste auf dem Oktoberfest. Dafür bräuchte er mehrere Budenplätze, doch einer - der verschuldete Traditionsbrauer Ignatz Hoflinger (Francis Fulton Smith) weigert sich. Dieser wird just im selben Moment von einem mafiösen Killer ermordet, als sein Sohn (Klaus Steinbacher) in rauschiger Feststimmung Pranks Tochter (Mercedes Müller) schwängert, was Regisseur Hannu Salonen anspielungsreich in einem Schnittstakkato parallel illustriert. Diese eine Szene manifestiert das Dilemma von "Oktoberfest 1900": Zu viel gewollt. Weniger ist oft mehr. Gerade im Fernsehen.

Charaktere sind bloß Holzschnitte

Alle Beteiligten verstehen ihr Handwerk. Die Drohnenkameras fliegen auf und auf, die Lichttechniker verwandeln München in eine dunkle, bedrohliche Szenerie, die Schauspieler geben ihr Bestes, aber auch sie bleiben mit wenigen Ausnahmen im Klischee stecken. In "Oktoberfest 1900" wird alles punktgenau, schnell und überdeutlich erklärt, das Publikum darf, soll sich keine eigene Meinung bilden, die Charaktere sind Holzschnitte, gefertigt in der auf kommerziellen Erfolg ausgelegten, zeitgenössischen Serienwerkstatt. Bald wird die Serie auf Netflix laufen, bald wird es wohl eine Fortsetzung geben. So gesehen: Zweck erfüllt. Doch innovative Fernseh- beziehungsweise Streamingkost sieht anders aus.

"A Bier aus der Flaschn is ka Bier", sagt der konservative Ignatz Hoflinger kurz vor seinem jähen Serienende. Vorher wie nach trieft es vor Eifersucht, Sabotage, Tod, Verrat, Liebe und Zusammenhalt. Ein Hauch "Fürstenhof" aus "Sturm der Liebe" weht hier, allerdings in seiner Hardcore-Ausprägung. Was - wie könnte es anders sein - auf einer wahren Geschichte basieren soll, wird zu einem smarten Bilderreigen, der im Abgang wie ein zu bitteres Bier schmeckt. Zuviel Bemühtheit, zu wenig souveräne Leichtigkeit, zu viel Zeitlupen-Pathos, zu wenig Authentizität. Schade um den reizvollen Stoff.

Aufgerufen am 28.09.2020 um 12:13 auf https://www.sn.at/kolumne/durchgeschaut/oktoberfest-1900-muenchen-wie-es-liebt-und-kracht-92891638

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