Die Dummheit des unpolitischen Sports

Das Wir-Gefühl nach sportlichen Megaereignissen ist eine Gratwanderung. Es sollte niemand vom Sport als Antipolitikum träumen.

Filzmaier am Montag SN

Feiern und Stolz nach der Fußball-EM sollen bei Spanien, Italien, Portugal & Co. das Wirtschaftsdebakel im Heimatland vergessen machen. In Deutschland verhinderte nur ein Halbfinaldesaster den Eindruck, sich neben der Wirtschaftsdominanz in EU-ropa auch noch als Kickergroßmacht zu gebärden. Zu belastend ist die Vergangenheit. Hitlers Truppen und SS-Schergen standen auch in Griechenland, wo ganz Saloniki mit Ausnahme Kurt Waldheims ihre Schreckenstaten mitbekam.

Das Wir-Gefühl nach sportlichen Megaereignissen ist eine Gratwanderung. Was etwa sollte die Welt denken, als Franz Beckenbauer sie 1990 als frischgebackener Trainerweltmeister bedauerte. Es täte ihm für alle anderen Staaten leid, doch nach der Wiedervereinigung werde man noch stärker und für Jahrzehnte unschlagbar sein. Der Kaiser meinte das balltechnisch und war trotzdem ein politischer Dummkopf.

Ungleich dümmer waren 1969 Honduras und El Salvador, als Fanschlägereien in einen echten Krieg mündeten und 30 Jahre zentralamerikanische Integration zerstörten. Am allerdümmsten sind freilich jene, die das absurde Klischee vom unpolitischen Sport nachplappern und damit eine Debatte über dessen Politisierung verhindern. Das hilft jenen, die den Sport neben massiven Wirtschaftsinteressen für zutiefst politische Zwecke instrumentalisieren.

Das kann positiv sein, wenn man an Frieden und Völkerverständigung als ursprüngliche Ziele der olympischen Idee denkt. Die Realität sah anders aus: Nur weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich einem Politdiskurs verweigerte, konnte 1936 der selbst ernannte Führer die Berliner Sommerspiele ungestört zur Maschinerie für Nazipropaganda umgestalten.

In den USA propagierte damals der spätere IOC-Präsident Avery Brundage, der Sport sei nicht politisch. Zugleich war er als Antisemit stolz, dass sein Leichtathletikverein "schließlich auch keine Juden aufnehmen würde". Der US-Amerikaner Lee Jahncke wurde dagegen aus den Sportgremien ausgeschlossen, weil er zum Boykott gegen Hitlers Olympische Spiele aufforderte.

Es folgten die deutsche Frage und der Ost-West-Konflikt generell als olympische Stellvertreterkriege zwischen BRD und DDR sowie USA und UdSSR. Im Vergleich dazu ist der Polit-Gehalt des aktuellen Fußballs ein Kinkerlitzchen. Doch ist ab heute die Chance vorbei, mehr über mangelnde Menschenrechte in der Ukraine oder Rechtsradikalismus in Polen zu sprechen.

Also sollte niemand vom Sport als Antipolitikum träumen. Doch das sportliche Denken der Massen ist nicht logisch erklärbar. Ein früherer Trainer Brasiliens begründete den Rücktritt damit, dass sich nach Niederlagen Menschen seinetwegen umbrächten.

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