Erdbeeren im Winter sind deppert

Die Anhänglichkeit ans Handy hat rührende Züge. Schüler beweisen es.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher
 SN/robert ratzer

Es ist zum Weinen, wie Kinder schnell keine mehr sind. Weil sie ja so flott erwachsen sein wollen: Weil es ist jedem klar, dass die Kids von allein in die Fremdsprachen-Krabbelstube wollen, bevor sie Rad fahren können, und dass sie beim Kinder-Qigong entspannen, bevor sie noch den ersten Satz reden. Und freilich spüren sie schon von Geburt an dieses Mitgefühl mit den Bauern in Südamerika, die den Kakao fair anbauen. Gut, es kommt bei der Empathie für das Gerechte vielleicht die freie Entfaltung im Wald und auf der Straße zu kurz, aber dort ist es eh nur gefährlich. Es kommen einem bei solch heldenhaft pädagogisierten jungen Menschen fast die Tränen der Rührung. Und erst wie sich der Nachwuchs neuerdings bemüht, den Eltern keine Sorgen zu machen! Zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler in der HTL Hallein. Die tun, worüber sie sich jetzt aufregen, ja nicht für sich. Ach geh! Sie tun es für eine Welt, in der dauernde Erreichbarkeit zum Grundbedürfnis geworden zu sein scheint. Immer und überall erreichbar zu sein ist nichts anderes als die Entsprechung des Kaufverhaltens, das davon ausgeht, dass immer und überall alles zu haben ist. Quasi: frische Erdbeeren im Winter. Weil da hat die Nahrungsmittelindustrie uns gelehrt: Egal wann, es ist immer alles zu haben; wurscht, von wo, es wächst und wir fliegen es um die Welt zu dir. Da wundert man sich, dass dieses Dauernd-haben-müssen-Bedürfnis bei den Halleiner Schülern auffällt. Sie wehren sich gegen ein Handyverbot in der Schule. Sie wollen, ach was, sie müssen erreichbar sein, sagen sie. Da darf der Unterricht nicht stören. Und lernen sie nicht fürs Leben? Und hängt das Leben nicht am Handy, ereignet es sich nicht hauptsächlich auf dessen Betriebssystem? Blöd nur, dass man, wenn man zwischen zwei Whats App-Nachrichten eine Millisekunde nachdenkt, draufkommen könnte: Schule ist auch Leben. Aber das ist - wenn auch nicht ganz - eine andere philosophische Ge schichte. Aber es geht um eine HTL. Und jetzt geht es ums Zusammenleben, das nur mittels ununterbrochener Erreichbarkeit aufrechterhalten werden kann. Also wird gegen das Handyverbot protestiert. Auch ein Argument haben die Schülerinnen und Schüler. Sie könnten im Fall eines Notfalls nicht von ihren Familien erreicht werden. Da drückt sich die Empathie aus. Das Smartphone im Bankfach ist nämlich kein Unterhaltungsmittel, sondern es liegt dort brav aus der schieren Angst, dass daheim etwas passieren könnte. Größer als die Angst, dass etwas passiert, ist die Furcht, dass man es ohne Handy verpassen könnte. Aber verpassen tun die Jugendlichen den Notfall sowieso, weil sie ja leider in der Schule sitzen. Im Prinzip verpassen wir das Wichtigste immer, sehen es aber dann auf dem Smartphone. Dazu müssen wir aber verständigt werden. Immer! Sofort! Also diese Sorge, diese Anteilnahme per Handy - sie sind rührend. Erst recht sind sie es, weil's sonst eh schnell heißt, die Jungen interessieren sich für einen Schas. Da muss bei Lehrern und Eltern Verständnis her. Bloß weil man den Jungen etwas beibringen will und sie sich dabei konzentrieren sollen, kann man sie nicht von jedem Notfall abschneiden.

Aufgerufen am 25.06.2018 um 03:59 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/erdbeeren-im-winter-sind-deppert-205108

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