Tränen für die, die Neil Young zum Überleben bringt

"Papa du bist peinlich", sagt Lolinger neuerdings ziemlich oft. Recht hat sie. Aber in der Peinlichkeit offenbart sich das Glück.

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Fliehers Journal | Leben in Salzburg Bernhard Flieher
Tränen für die, die Neil Young zum Überleben bringt SN/www.picturedesk.com
Neil Young trifft in das Heart of Gold

Manchmal rettet uns die Musik. Sie ist - wie Tim Bendzko singt - "eine Brücke zwischen uns für die Ewigkeit gebaut". Kitschig oder?! Aber tröstend, weil Lolinger von Tag zu Tag rasanter davonwächst in eine Welt, in der ich verloren bin. Kürzlich wurde das Davonwachsen von Neil Young gestoppt. Zumindest für mich. Früher konnte Lolinger zu Youngs Songs dahinschlummern. Jetzt stehe ich da, ein alter Depp, der gegen besseres Wissen Tröstung immer noch in einem Lied erhofft. Daneben steht Lolinger, die noch keine Tröstung braucht, dafür aber noch ein Cola, ein Weckerl und einen Pullover auch, auf dem steht vorn "Rebel Content" drauf. Als Kind darf man davon ausgehen, dass alles gut endet, dass nichts Böses passiert. Sie ist alt genug, um zu wissen, dass die Welt kracht, aber halt irgendwo weit weg. Lolinger sieht dann, dass ich schon bei der zweiten Nummer Tränen in den Augen habe. Es ist ja nicht bloß, dass der Abend wärmt, die Location bezaubert und Neil Young vom "Heart of Gold" singt und später dann, dass es Zeit ist, die "roads of tears" irgendwie zu verlassen. Die Rührung kommt, weil wir gemeinsam da sind auf einer Wiese irgendwo im Mühlviertel und dass wir einen Helden sehen können, den es schon gab, als es mich noch nicht gab. Wer weiß, wie oft er noch kommt, der 70-jährige Neil? Und in diesem einen Moment singt er eben nur für uns. Lolinger hat davon keine Ahnung. Sie schaut mich an. Sie sieht die Tränen. Und dann sagt sie: "Papa, das ist peinlich." Es ist jener Satz, den ich in jüngster Zeit am häufigsten überleben muss. Aber vielleicht sollte man sich daran gewöhnen, sein Glück schlicht darin zu erkennen, dass man überlebt. Heißt also, dass nach dem Scheitern oder der Peinlichkeit wieder das Aufstehen oder die Zuneigung kommen. Nur kurz halt, für einen Moment bloß. Wer ihn erkennt, ihn kurz zu fassen kriegt, um ihn auszukosten, dem wird nie langweilig.

Eine Definition von Glück sagt ja, es sei die Erfüllung menschlicher Wünsche und unseres Strebens. Und dann? Welche Tragödie, welch ein Stillstand ist so ein Zustand des angeblich Optimalen? Nicht mehr zu wünschen?! Nichts mehr zu hoffen?! Da ist mir der Moment, an dem die Peinlichkeit wieder verschwindet, eindeutig lieber. Young also singt. Lolinger schaut, greift nach meiner Hand und sagt, dass alles gut werden wird und dass das Konzert doch richtig super sei. Und auf der Heimfahrt singt sie mit: "I want to live/I want to give/I've been a miner for a heart of gold." Da unterdrücke ich dann die schönen Tränen nur deshalb, weil ich ja Auto fahren muss.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 11:25 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/traenen-fuer-die-die-neil-young-zum-ueberleben-bringt-1208710

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