Kamala Harris ist die Erste - wird aber nicht die Letzte sein

Die Vizepräsidentin gibt vielen Frauen Hoffnung. Vor allem nach vier Jahren, die sich für viele wie Rückschritt angefühlt haben.

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Frauensache Dorina Pascher
Kamala Harris gibt vielen Frauen Hoffnung.  SN/AFP
Kamala Harris gibt vielen Frauen Hoffnung.

Kamala Harris war im Laufe ihrer Karriere mehrmals die Erste: Sie war die erste Frau und die erste schwarze Bezirksstaatsanwältin von San Francisco. Sie war die erste schwarze Senatorin für Kalifornien. Und nun wird Kamala Harris nicht nur die erste Vizepräsidentin sein. Sie ist auch die erste Schwarze, noch dazu die erste mit indischen Wurzeln, die das zweithöchste Amt der Vereinigten Staaten bekleiden wird.

Das Beispiel Harris zeigt: Es ist erstaunlich, dass Frauen auch im Jahr 2020 immer noch den Titel "die Erste" verliehen bekommen. Das zeigt, was Frauen lange vorenthalten wurde: politische Teilhabe. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern weltweit sind Frauen in mächtigen Ämtern in der Unterzahl. Für farbige Frauen schaut es noch schlechter aus.

Harris wandte sich in ihrer Rede am Samstag an genau diese Frauen. Die Afroamerikanerinnen, Latinas, Asiatinnen, Frauen der "First Nation", "die den Weg für diesen Moment heute Abend geebnet haben", sagte Harris.

Viele dieser Frauen hatten in den vergangenen Jahren doppelt gelitten: Sie traf Sexismus, den Donald Trump wieder gesellschaftsfähig gemacht hatte. Wenn er zum Beispiel damit prahlte, dass er Frauen ungestraft zwischen die Beine greifen könne. Sie bekamen den Rassismus zu spüren, der mit Trump Einzug ins Weiße Haus erhalten hatte. Es waren die "Women
of Colour", die sich in den vergangenen vier Jahren noch mehr Sorgen machen mussten als zuvor. Können sie gegen Polizeigewalt protestieren, ohne selbst zum Ziel zu werden? Könnten ihre Kinder oder Ehemänner Opfer von
Polizeiwillkür werden?

Farbige Frauen wurden nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt. Sie wurden also gleich mehrfach diskriminiert. Es gibt ein Fachwort für dieses Phänomen: Intersektionalität.

Rassismus und Sexismus in der Gesellschaft werden unter einer schwarzen Vizepräsidentin nicht verschwinden. Dennoch setzt die Wahl von Kamala Harris ein wichtiges Signal. Die Migrantentochter ist eine Hoffnungsträgerin. Nach diesen vier Jahren, die sich für eine Vielzahl von Frauen und farbigen Menschen wie ein Rückschritt angefühlt haben.

Für sie fand die künftige Vizepräsidentin bei ihrer Siegesrede die richtigen Worte: "Während ich die erste Frau in diesem Amt bin, werde ich nicht die letzte sein. Weil jedes kleine Mädchen, das heute Abend zuschaut, sieht, dass dies ein Land der Möglichkeiten ist."

Kamala Harris hat am Samstag Geschichte geschrieben - viele Frauen werden sie weiterschreiben. Und vielleicht wird Kamala Harris auch ein weiteres Mal die Erste sein: die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten.

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