Lasst die Seetang-Nudeln Nudeln sein!

Soziale Medien etablieren tradierte Rollenbilder. Gute Hausfrauen und starke Männer braucht das Land - könnte man meinen.

Autorenbild
Frauensache Sabrina Glas

In rosarotem Kleid schwebt sie über dem Horizont, dabei hält sie sich an einem Strauß rosaroter Ballons fest. Über eine Million Fans hat die 18-jährige Lisa-Marie Schiffner auf Instagram. Damit rangiert sie derzeit auf Platz drei der erfolgreichsten Österreicherinnen und Österreicher auf der Plattform. Weit oben auf der Liste ist auch der 30-jährige Johannes Bartl. Über zwei Millionen Menschen sehen ihm zu, wie er Muskelpartien spielen lässt oder sich bei Workshops mit Kindern in Jamaika zeigt.

Sieht man sich die aufstrebenden Meinungsmacher in sozialen Medien genauer an, wähnt man sich in der falschen Zeit. Wer als Frau erfolgreich sein will, ist entweder gute Hausfrau oder reckt leicht bekleidete Körperteile in die Kamera, so scheint es. Bei Männern hingegen riecht man das Testosteron förmlich durch das Smartphone, die Themen aber sind breiter gefächert. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie zur Selbstdarstellung junger Männer und Frauen in neuen Medien. Auftraggeber war die Stiftung Malisa.

Binnen kürzester Zeit Tausende zu mobilisieren, die eigenen Schritte zu verfolgen, erfordert viel Disziplin und Kreativität. Influencerinnen und Influencer, wie Meinungsmacher in sozialen Medien genannt werden, sind ohne Zweifel erfolgreiche Unternehmer. Sie haben eine Stimme. Es kommt nur darauf an, wofür sie diese Stimme erheben. Auch sie müssen Geld verdienen. Und dafür werden sie oft zu wandelnden Werbeflächen.

Dabei gilt: Je mehr Reichweite, desto attraktiver sind sie für Unternehmen. Und mehr Menschen erreichen sie wohl mit einer Themen- und Farbwahl, die den Geschlechterklischees entspricht. Genau hier liegt die Krux: Die Nachfrage spiegelt das gesellschaftliche Bild, in dem wir immer noch stecken.

Es gäbe genügend Frauen, die sich engagieren und auch politische Themen besetzen. Man denke an die zahlreichen Unterstützerinnen der "Fridays for Future"-Bewegungen. Oder an die österreichische Bloggerin Madeleine Daria Alizadeh, die sich kürzlich für die Bundesliste der Grünen aufstellen ließ. Mehr als 230.000 Menschen folgten ihr dabei zuletzt auf der Plattform Instagram. Nur: Da klafft eine zu große Lücke nach oben.

Die richtige Frage lautet also: Warum folgen wir nicht auch mehr Frauen, die sich zu Politik äußern und auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen wollen? Solange wir uns von Männern die Welt erklären lassen und Frauen über Seetang-Nudeln und Paleo-Diäten in aufgemaschelten Tutus referieren, wird der Blick einseitig bleiben. Lassen wir die Klischees endlich hinter uns - dann wird unser Instagram-Feed vielleicht etwas weniger rosa. Aber durchaus bunter.

Aufgerufen am 26.05.2020 um 04:07 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/lasst-die-seetang-nudeln-nudeln-sein-74067439

Kommentare

Schlagzeilen