Wie stolz wir Frauen sein können, in diesem Europa zu leben

Ursula von der Leyen hat eine Vision für Frauen, Donald Trump schürt Hass gegen sie.

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Frauensache Karin Zauner

Dieser Tage in Europa: Ursula von der Leyen sagt am Tag ihrer Wahl zur EU-Kommissionspräsidentin: Sie sei "mit Stolz" erfüllt, "dass zum ersten Mal eine Frau Kandidatin für das Amt der Präsidentin der Kommission ist". Sie sei "geehrt", 40 Jahre nach der Wahl von Simone Veil hier zu stehen. Veil, die 1979 die erste Präsidentin eines direkt gewählten Europa-Parlaments wurde, habe Barrieren und Konventionen überwunden, Pioniere wie sie stünden auch im Zentrum ihrer Vision von Europa, versprach von der Leyen.

Dieser Tage in den USA: Der amerikanische Präsident Donald Trump hält eine Hassrede auf vier weibliche demokratische Abgeordnete. Er richtet ihnen aus, sie sollten doch in die Länder zurückkehren, aus denen sie kämen, wenn ihnen an den USA etwas nicht passe. Drei der vier Frauen sind gebürtige US-Amerikanerinnen. Mit seinen Ausritten verschiebt er nicht nur einmal mehr die Grenze des Denk- und Sagbaren, sondern gefährdet auch das Leben dieser Frauen.

Unterdessen schlägt von der Leyen jenseits des Atlantiks in Straßburg ganz andere Töne an. Sie will Geschlechterparität in der Kommission und warnt sogleich die Mitgliedsstaaten. Sollten diese nicht genügend Frauen als Kandidatinnen für die Kommissionsposten vorschlagen, würde sie weitere Namen einfordern. Denn seit 1958 hat es unter den 183 Kommissionsmitgliedern nur 35 Frauen gegeben. "Wir machen aber die Hälfte der Bevölkerung aus. Wir wollen unseren gerechten Anteil", sagt die künftige Kommissions-Chefin.

Der österreichischen Regierung freilich ist das egal. Mutlos, fantasielos und visionsbefreit beharrt sie auf der Nominierung eines einzigen Kandidaten: Johannes Hahn. Weil er der einzige sei, auf den sich alle Parteien verständigen könnten. Das ist keine Politik des Machbaren, das ist keine Politik des guten Verwaltens, das ist eine Bankrotterklärung: Österreichs Parteien können keine geeignete weibliche Person für die Kommission nennen. Dass dies unter einer Regierung passiert, die Bundespräsident Alexander van der Bellen mühelos und in Rekordtempo geschlechterparitätisch aus dem Hut gezaubert und uns die erste Bundeskanzlerin gebracht hat, ist niederschmetternd.

Jenen, die in solchen Situationen immer rufen, aber Männer seien ja auch geeignet, sei gesagt. Ja, selbstverständlich! Aber das ist nicht das Thema. Wenn Frauen im Fall der EU-Kommission über die Jahrzehnte mit weniger als 20 Prozent beteiligt sind, ist der Ruf nach Gerechtigkeit für Männer glatte Themenverfehlung. Wir können davon ausgehen, dass Klugheit, Qualifizierung und Eignung bei Frauen und Männern gleich verteilt sind genauso wie Dummheit und Unfähigkeit. Es spricht also nichts gegen eine 50-Prozent-Aufteilung der Macht, außer, dass dadurch manche Macht verlieren.

Von der Leyen hat Simone Veil mit Bedacht in ihrer Rede gewählt. Veil war Holocaust-Überlebende, sie hat als Jugendliche in Auschwitz das Schlimmste erlebt und dennoch nie ihre Kraft verloren. Sie machte sich immer für die Rechte der Frauen stark, hat Barrieren und Konventionen überwunden. Und genau solche Vorbilder sind nötig, damit die Vision Einheit und Gerechtigkeit in Europa zur Realität wird. Ob von der Leyen auch so ein Vorbild werden kann, wissen wir nicht. Aber sie hat erkannt, dass heutzutage einzelne Ikonen nicht mehr genügen, um mehr Frauen an die Hebeln der Macht zu bringen. Es braucht eine gewisse Masse, um etwas zu bewegen. Haben einzelne Kämpferinnen wie Veil oder Johanna Dohnal in Österreich bewirkt, dass heute Frauen überhaupt Kanzlerinnen, Vorstandsvorsitzende und Chefinnen werden können, braucht es für eine gerechte und sinnvolle Geschlechteraufteilung in allen Bereichen mehr. Mehr Frauen, um Strukturen und Systeme tatsächlich zu ändern, um die Sicht auf 250 Millionen Europäerinnen zu verbessern, sie zu hören und zu verstehen.

Trump hat bereits vor seiner Wahl zum Präsidenten mit frauenverachtenden Tiraden für Schrecken gesorgt. Und er macht ungehindert weiter. Da tut es gut zu hören, welche Vision die neue Kommissions-Präsidentin für Frauen und Männer auf diesem Kontinent hat. Sollte von der Leyen die Umsetzung halbwegs gelingen, wird dies Europa stärken und andere Mächte wie die USA, alt und schwach aussehen lassen. Wie stolz wir Frauen sein können, in diesem Europa zu leben.

Aufgerufen am 22.08.2019 um 03:05 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/wie-stolz-wir-frauen-sein-koennen-in-diesem-europa-zu-leben-73649059

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