Reden ist Gold, Schweigen ist Blech

Hätte er doch lieber über die Redefreudigkeit der Frauen geschwiegen. Olympia-Organisationschef Yoshiro Mori ist nicht nur seinen Job los, sondern lag zudem noch völlig falsch.

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Frauensache Karin Zauner

Yoshiro Mori war Vorsitzender des Tokioter Organisationskomitees für die Olympischen Spiele. Zurücktreten musste er vergangene Woche, weil er den Beschluss des japanischen Olympischen Komitees, den Anteil von Frauen auf 40 Prozent zu erhöhen, kritisierte. Er meinte: "Wenn viele Frauen in einem Komitee sitzen, braucht es für die Diskussionen viel Zeit." Frauen hätten einen starken Sinn für Rivalität. "Wenn eine von ihnen ihre Hand hebt, denken sie wahrscheinlich, dass sie auch etwas sagen müssen. Und dann sagen alle etwas." Damit brachte er das sonst so diskussionszurückhaltende Land in Aufruhr. Trotz Pandemie gingen Menschen aus Protest auf die Straße.

Auch in der "Frauensache" legen wir höchsten Wert auf Fakten und kritisches Hinterfragen, wir wollen niemandem Unrecht tun. Daher die Frage: Hat Herr Mori vielleicht sogar Recht? Reden Frauen mehr als Männer?

Zuerst der Praxistest in den eigenen Reihen: In den unzähligen Konferenzen einer Zeitung, reden Männer öfter und länger, und sie unterbrechen Frauen häufiger - aber das ist natürlich nicht wissenschaftlich belegt, sondern nur ein subjektiver Erfahrungswert und daher nicht sehr seriös.

Seriös sind aber unbestritten die Wissenschafter der renommierten Universität Princeton. Dort haben die Soziologen herausgefunden: Je größer eine Gruppe ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männer das Wort ergreifen. Gibt es mehr Männer als Frauen in einer Gruppe, sinkt die durchschnittliche Redezeit einer Frau um ein Vierteil bis zu einem Drittel. Die Kollegen von der Uni Yale kamen zum Ergebnis: Je mächtiger Männer sind, desto mehr und länger reden sie. Letzteres wiederum ist einleuchtend. Wer viel Verantwortung hat, muss auch viel erklären. Und die besonders verantwortungsvollen Jobs haben eben mehr Männer inne.

Doch selbst wenn Frauen auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen sind, bedeutet das nicht, dass sie am Tisch dann auch eine Stimme haben. Auch dort reden die Männer gerne über sie hinweg, Frauen werden unterbrochen oder gezwungen, langen Ansprachen von Männern zuzuhören. Weil Frauen von klein auf gelernt haben, dass sie schnell sprechen müssen, damit sie nicht abgewürgt werden, sprechen sie schneller und kürzer.

Herr Mori hat sich also nicht nur sexistisch geäußert, sondern liegt laut Erfahrungswerten und wissenschaftlichen Erkenntnissen völlig falsch. Falsch wäre es freilich auch, aus dieser Episode keine persönlichen Schlüsse zu ziehen. Die wären: Klappe auf! Frauen, ergreift das Wort, nehmt Euch die Redezeit, sie steht Euch zu! Denn nur wer gehört wird, wird wahrgenommen.

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