Wenn Unternehmen schaffen, was die Politik verschläft

Unternehmen setzen sich immer öfter für politischen Wandel ein. Das kann eine Chance für den Feminismus sein.

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Frauensache Katharina Maier

Sind Tampons Luxusgüter? Mit dieser Frage musste sich der Deutsche Bundestag im November 2019 auseinandersetzen. Bis dahin betrug die Umsatzsteuer von Hygieneartikeln für Frauen in Deutschland 19 Prozent. Damit waren Tampons und Binden gleich hoch besteuert wie Champagner und Kaviar. Kein Witz.

Dass die sogenannte Tamponsteuer von der deutschen Bundesregierung gesenkt wurde, hat ganz wesentlich mit einem Unternehmen zu tun: Sie nennen sich "The Female Company" und ihr erklärtes Ziel ist es, die Periode zu enttabuisieren. Sie, das sind die jungen Gründerinnen Ann-Sophie Claus und Sinja Stadelmaier. Die beiden haben das Start-up 2018 gegründet und sich seitdem auf den Verkauf von Biotampons spezialisiert. Weil Tampons zwar Produkte des täglichen Bedarfs sind, aber dennoch so hoch besteuert waren, hat sich The Female Company kurzerhand eines genialen Tricks bedient: Sie haben die Tampons in Form eines Buches verkauft. Denn Bücher werden deutlich geringer besteuert.

Das "Tampon Book" löste innerhalb kürzester Zeit eine deutschlandweite Bewegung aus. Tausende Frauen und Männer schlossen sich einer Petition an - mit Erfolg: Der Steuersatz auf Tampons wurde mit Jahresbeginn 2020 auf sieben Prozent gesenkt. In Österreich ist das übrigens Zukunftsmusik. Hierzulande sind Hygieneartikel für Frauen immer noch mit einer Umsatzsteuer von 20 Prozent versehen. Die türkis-grüne Regierung kündigte jedoch an, die Tamponsteuer noch in dieser Legislaturperiode senken zu wollen.

Die Senkung der Tamponsteuer in Deutschland war nicht nur ein wichtiger Schritt für mehr Steuergerechtigkeit, sondern auch ein genialer Marketing-Schachzug für das junge Unternehmen: The Female Company wächst und floriert. Ihre aktivistischen Aufreger-Kampagnen kommen vor allem in den sozialen Netzwerken gut an.

The Female Company ist natürlich längst nicht das einzige Unternehmen, das sich für Frauenrechte einsetzt. Auch große Konzerne haben erkannt, dass aktive Frauenförderung, wie zum Beispiel Frauenquoten im Management, nicht nur innerhalb der eigenen Firma unverzichtbar geworden ist, sondern auch von den Kundinnen und Kunden geschätzt wird.

Für moderne Unternehmen sollte es längst nicht mehr nur darum gehen, das beste Produkt zu verkaufen. Vielmehr wird ihr soziales Gewissen von immer kritischeren Konsumentinnen und Konsumenten auf die Probe gestellt. Werte wie Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung und Gemeinwohl sind nicht nur zum Verkaufsargument, sondern sogar zur Voraussetzung geworden.

Es ist dennoch traurig, dass es - wie im Fall der Tamponsteuer - erst aktivistische Kampagnen von Unternehmen braucht, um die Politik aufhorchen zu lassen. Verwundern sollte das aber auch nicht. Die Steuersätze wurden schließlich von Menschen gemacht, die keinen Bedarf an Tampons haben.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 01:30 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/wenn-unternehmen-schaffen-was-die-politik-verschlaeft-93404284

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