Die Politik könnte so manches von Bürgern lernen

Die Reaktion der Berliner auf den Terror vor Weihnachten ist beachtlich. Die mancher Politiker eher bedenklich.

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HEVI Viktor Hermann

Der Anschlag auf einen Adventmarkt in Berlin hat vielerlei Reaktionen hervorgerufen. Angst, Sorge um Freunde und Verwandte, Wut und manchmal auch abgrundtiefen Hass. Das alles ist verständlich, weil mit der Schreckensfahrt eines schweren Lastwagens mitten in einer europäischen Hauptstadt klar wurde, dass solches überall passieren kann, weil es überall Lastwagen gibt und ein irregeleiteter oder ein böser Mensch solch ein Fahrzeug recht einfach in ein Mordinstrument verwandeln kann.

Manches, das in Berlin danach geschah, gibt freilich Anlass zur Hoffnung. Denn ein großer Teil der Bevölkerung hat auf den Terroranschlag nicht nur mit Angst, Sorge, Wut und Hass reagiert, sondern mit einer gesunden Portion kühlen Zorns. Da schrieb ein Journalist auf Facebook eine Art Brief an die Terroristen, in dem er mit den Worten "Jetzt passt mal auf, ihr Radikal-Spinner" das besondere Lebensgefühl der Bewohner der deutschen Hauptstadt schilderte. Die ethnische Mischung, den Grundoptimismus, die Schnoddrigkeit und die Weltoffenheit. Und er endet mit den Sätzen: "Angst vor euch? Dream on, Pussies! Ihr könnt uns mal!"

Dieses Posting illustriert recht schön den Geist, in dem viele Berliner jetzt erst recht die Adventmärkte besuchten und sich von der Angst nicht das Leben verderben lassen. Das erinnert sehr an die Art und Weise, wie die Londoner im Jahr 2005 auf die schweren Anschläge auf den öffentlichen Verkehr reagierten, indem sie es sich nicht nehmen ließen, weiterhin ihr tägliches Leben so zu führen, wie sie es gewohnt waren und sind.

Um einiges weniger cool reagierte freilich die deutsche Politik. Da ist nur wenig von jenem Schulterschluss zu bemerken, den es gebraucht hätte, um nach solch einem Anschlag Einigkeit zu demonstrieren, der Community der Terroristen zu zeigen, dass sie mit ihren Aktionen weder unsere Freiheit noch unsere Lebensweise einschränken können. Vielmehr nutzte mancher den Schrecken von Berlin, um politisches Kleingeld zu prägen.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer nutzte den Vorfall, um die Kanzlerin Angela Merkel unter Druck zu setzen. Ihm fiel gar nicht auf, wie unsinnig sein Generalverdacht gegen alle Flüchtlinge ist. Denn denkt man Seehofers Idee vom "vorsorglichen Aussperren" konsequent weiter, müsste man jeden Radikalen ja auch "vorsorglich einsperren". Das wäre dann auch gültig für all jene rechtsradikalen Schreier, die zuhauf in Deutschland herumlaufen. Spätestens seit den Morden des "Nationalsozialistischen Untergrunds" an Türken wissen wir ja, dass aus rechten Dummköpfen durchaus auch recht mörderische Terroristen werden können.

Aufgerufen am 21.11.2018 um 05:05 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/die-politik-koennte-so-manches-von-buergern-lernen-576040

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