Jetzt müssen die Europäer doch noch erwachsen werden

Trumps Isolationismus fordert die Politiker Europas heraus. Sie können sich nicht mehr auf den großen Beschützer verlassen.

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HEVI Viktor Hermann

Es war eine recht bequeme Vorstellung. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten sich die Europäer in all den unsicheren Zeiten auf eines verlassen: Wenn's brenzlig wurde oder zu werden drohte, dann war da immer die große Schutzmacht Amerika, auf die man bauen konnte. Ob nun die Sowjets versuchten, Westberlin auszuhungern, ob Serben, Kroaten und Bosnier wild aufeinander einschlugen - stets überließen die Europäer den Amerikanern die Aufgabe, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Selbst wer im Café oder am Biertisch die Amis wegen ihres Imperialismus beschimpfte, erkannte insgeheim doch an, dass vor allem die Supermacht jenseits des Atlantiks Frieden und Sicherheit in Westeuropa garantierte.

Jetzt haben die Amerikaner einen neuen Präsidenten gewählt, der nicht nur Amerika groß machen will, sondern dem die Interessen der Verbündeten herzlich gleichgültig zu sein scheinen. Donald Trump deutet zumindest vorerst einmal an, dass er Isolationist ist. Mit ihm scheint jenes Politikkonzept zu enden, auf das europäische Politiker sich gern verlassen haben.

Damit könnte eine Zeit großer Unsicherheit anbrechen. Damit könnte es geschehen, dass die politischen Gleichgewichte auf unserem Kontinent arg aus der Balance geraten. Nebenan sitzt auch ein Politiker, der sein Land wieder groß und mächtig machen will. Wladimir Putin aber will Russland nicht auf sich selbst zurückziehen, er will Macht demonstrieren, indem er andere dominiert. Seine Okkupation der Krim, seine Verstrickung in einen asymmetrischen Krieg in der Ostukraine, seine drohenden Gesten gegen die baltischen Staaten sollten uns Sorge bereiten.

Wenn aber der bisher verlässliche Schutzherr USA sich möglicherweise zurückzieht, wird es notwendig sein, dass die Europäer sich jetzt selbst auf das Feld der Machtpolitik vorwagen. Sie dürfen nicht zuschauen, wie der amerikanische Schutzschirm durch eine russische Dominanz ersetzt wird. Sie müssten sich endlich dazu durchringen, sich mithilfe einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik gegen Drohgebärden aus dem Osten zur Wehr zu setzen. Das bedingt Solidarität, gegenseitiges Vertrauen, Arbeitsteilung und auch so manche Delegierung von Verantwortung und Macht an gemeinsame Institutionen.

Das ist umso schwieriger, als in etlichen Ländern Europas nationalistische Kräfte er starken, die Solidarität ablehnen, gemeinsame Aufgaben nicht gemeinsam lösen wollen, sich dem Herrn im Kreml unterwürfig als nützliche Handlanger andienen und sich dafür auch finanziell unterstützen lassen wie Marine Le Pen und Gesinnungsgenossen.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 04:04 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/jetzt-muessen-die-europaeer-doch-noch-erwachsen-werden-498460

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