Manchmal könnte ein Ganzkörperschleier recht nützlich sein

Manche Politiker wechseln ihre tiefsten Überzeugungen so schnell, dass sie plötzlich ziemlich bloßgestellt sind.

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HEVI Viktor Hermann

Die Debatte um ein mögliches Verbot der Burka und sonstiger Ganzkörperverschleierung berührt durchaus tiefgehende und prinzipielle Probleme. Man fragt sich, was versteckt sich hinter der Maske, warum will oder darf diese Person nicht gesehen werden, müssen wir Angst vor Leuten haben, die sich vermummen, gefährdet die Totalverschleierung wirklich unsere liberale Gesellschaft?

Der Verdacht liegt nahe, dass der Streit um ein Kleidungsstück lediglich von der Unfähigkeit ablenken soll, ein Konzept dafür zu finden, wie wir die vielen Zuwanderer behandeln, versorgen, integrieren, zu Mitbürgern machen könnten. Man hat sich ja schon daran gewöhnt: Bedeutungsvoll klingende Worte ersetzen zielgerichtetes Handeln, ganz einfach weil Reden so viel einfacher ist als Tun. Zugleich wechseln in unserer politischen Landschaft Parteien die Inhalte, die sie vehement vertreten, öfter als so mancher Mensch die Hemden. Nun soll man niemanden daran hindern, klüger zu werden. Manchmal aber fragt man sich doch, wie jemand binnen kürzester Zeit seine feste Überzeugung ins Gegenteil verwandeln kann.

Der Präsidentschaftskandidat der Freiheitlichen hat unmittelbar nach der Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen, von einem österreichischen Referendum über unsere EU-Mitgliedschaft geträumt. Das ließ sich dann Slogan-technisch wunderbar verarbeiten als Öxit nach dem Brexit. Es steht zu vermuten, dass diese Ankündigung Ergebnis eines tiefen Blicks auf irgendein Umfrageergebnis war, das die EU-Skepsis der Österreicher als dramatisch groß dargestellt hat.

Jetzt, im "Sommergespräch" jenes von Hofers Parteifreunden, der gern Kanzler werden möchte, hört sich das ganz anders an. Nein, ein Austritt aus der EU sei nicht das Ziel der FPÖ. HC Strache hat offensichtlich auch einen tiefen Blick auf irgendein Umfrageergebnis getan und daraufhin beschlossen, seinen Präsidentschaftskandidaten und dessen "Raus aus der EU"-Politik" so ganz nebenbei einmal zu desavouieren. Dass er sich selbst und seine bisherige Anti-EU-Rhetorik gleich mit bloßstellt, scheint dem Taktiker Strache nicht aufgefallen zu sein.

Populisten fehlt es an eigenen Werten und Überzeugungen. Sie richten sich nach dem Wind. Dem Volk aufs Maul zu schauen ist notwendig, um als Politiker nicht den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren. Dem Volk aber nach dem Mund zu reden birgt die Gefahr, dass
man bei plötzlichem Wechsel der Windrichtung ziemlich rasch bloßgestellt wird. Und dann könnte sich so mancher wünschen, er hätte einen von diesen Ganzkörperschleiern parat.

Aufgerufen am 16.11.2018 um 08:32 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/manchmal-koennte-ein-ganzkoerperschleier-recht-nuetzlich-sein-1132684

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