Nach der Wahl ist schon wieder vor der Wahl, auweh!

Der Wettlauf ums Weiße Haus ist vorbei - es sei denn, da kommt noch eine Wahlanfechtung. Bei uns geht's jetzt erst richtig los.

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HEVI | Politik und Gesellschat Viktor Hermann

Die Wahl ist geschlagen, die Amerikaner haben sich entschieden, die politischen Dinge in den USA können wieder ihren normalen Lauf nehmen. Gleichgültig, ob nun die ehemalige First Lady, ehemalige Senatorin, ehemalige Außenministerin Hillary Clinton oder der mehrfache Pleitier, der permanente Frauenverachter, der profunde Rassist, das ewige Großmaul Donald Trump das Rennen gemacht hat, die Welt wird damit zurechtkommen müssen.

Und wir Österreicher können uns jetzt endlich über etwas aufregen, das wirklich wichtig ist. Die Frage nämlich, ob es am 4. Dezember gelingen wird, eine ordentliche, unanfechtbare Wahl abzuhalten, mit der wir bestimmen, wer die nächsten sechs Jahre in der Hofburg als Ersatzkaiser residieren wird, der grüne Wirtschaftsprofessor Alexander Van der Bellen oder der blaue Flugzeugtechniker Norbert Hofer.

Friedrich Hebbel hat einmal behauptet, Österreich sei "eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält". In Bezug auf die Präsidentschaftswahlen in der einzigen Supermacht der Welt und im kleinen Österreich kommt es jetzt umgekehrt. Für uns hier ist das Großereignis in den USA so etwas wie eine Generalprobe, die Aufführung kommt in knapp vier Wochen. Damit kann sich die Aufmerksamkeit des Publikums vom Gezänk zwischen den Lagern eines wüsten Populisten und einer wenig mitreißenden Politikerin ab- und dem hiesigen Gezänk zwischen einem rechtsnationalistischen Populisten und einem auch nicht gerade mitreißenden Gelehrten zuwenden.

Die Fragestellungen sind ebenso ähnlich wie die politischen Punzierungen. Es scheint derzeit ein weltweites Phänomen zu sein: Einige unserer Grundwerte müssen sich gegen autoritäre und antidemokratische Tendenzen zur Wehr setzen. Da steht Weltoffenheit gegen nationalistisches Lagerdenken, Liberalität gegen Engstirnigkeit, Meinungsfreiheit gegen die Unterstellung, die klassischen Medien gehörten zur "Lügenpresse". Die eine Seite akzeptiert die Spielregeln bei Wahlen und somit das Wahl ergebnis, die andere nimmt ein Wahlergebnis nur dann hin, wenn es zu ihren Gunsten ausgeht. Immerhin wusste die FPÖ ja schon im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl um die Regelverstöße, ignorierte sie aber, weil ja Norbert Hofer vorn lag. Erst als er im zweiten Wahlgang verloren hatte, erwachte das "demokratische Gewissen" dieser Herrschaften.

Wir müssen uns auf vier mühsame Wochen gefasst machen, in denen es gleichwohl für die Österreicher um genauso viel geht wie in den vergangenen Monaten für die Amerikaner: um die Entscheidung zwischen einer behutsamen Weltoffenheit und dem Einigeln in eine nationalistische Wagenburg.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 02:07 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/nach-der-wahl-ist-schon-wieder-vor-der-wahl-auweh-902953

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