Nationalismus zum Quadrat: Auf in die Kleinstaaterei!

Venedig will Autonomie und schließlich die Unabhängigkeit. Der regionale Egoismus feiert fröhliche Urständ.

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HEVI Viktor Hermann

Nigel Farage müsste vor Freude Luftsprünge machen. Der Mann, der Großbritannien mit Lügen und seinem kongenialen Münchhausen namens Boris Johnson in den Austritt aus der Europäischen Union gehetzt hat, dürfte sich über den jüngsten Streich der Regionalpolitiker im Veneto tierisch freuen. Die wollen ihrer Region eine Autonomie innerhalb Italiens erstreiten und als Fernziel die Unabhängigkeit. Der Grund: Man wolle nicht den Großteil der regional erwirtschafteten Steuern nach Rom abliefern, sondern selbst verbrauchen. Der Weg: Per Regionalgesetz gelten die Einwohner Venetiens jetzt als "nationale Minderheit", die Regionalsprache Veneziano gilt fortan als geschützte Minderheitssprache.

Der Nationalismus, den wir seit einigen Jahren in Europa beobachten können, greift also um sich und wirkt in immer engeren und kleineren Kreisen. Es scheint so, als hätte sich die Globalisierung ins Gegenteil verkehrt und machte jetzt nicht einer gesunden Regiona lisierung Platz, sondern der Rückkehr in die Kleinstaaterei, wie sie im 18. Jahrhundert in weiten Teilen Europas geherrscht hat. Gerade in Italien sollte man sich der Gefahren bewusst sein, die sich aus der Zersplitterung eines Staates ergeben. Doch das ist nationalistischen Politikern ziemlich gleichgültig und ganz besonders jenen, die es einfach nicht schaffen, ihrem Ego gemäße Positionen zum Beispiel in Rom einzunehmen. Wer es also nicht schafft, in der italienischen Politik an die Spitze zu gelangen (wie die Leute von der Lega Nord), der schafft sich halt seine eigene autonome Re gion, um endlich ganz oben zu stehen.

Wollte man dieses Rezept weiterverfolgen, dann könnte sich jede europäische Gegend mit einem lokalen Dialekt und ein wenig regionalem Selbstbewusstsein zur autonomen Region erklären, die Steuereinnahmen für sich behalten und womöglich an der Grenze Kontrollen einführen, damit nur ja keine Fremden die Heimat überschwemmen.

Warum also nicht den Pinzgau oder den Lungau zur Minderheitenregion erklären, das Paznauntal ebenso und noch viele andere Gegenden, in denen man einen eigenen Dialekt spricht, den der Besucher aus Deutschland überhaupt nicht und der Restösterreicher kaum verstehen kann? Irgendjemand kommt sicher noch auf die Idee zu rufen "Floridsdorf den Floridsdorfern" und "Aigen den Aignern".

Und wenn jede Provinz Europas autonom ist, wenn jede Region ihre eigene Regierung hat, jedes Dorf die Pässe der Durchreisenden kontrolliert und jeder Hinterhof lokale Eigenheiten zum Anlass nimmt, einen eigenen Staat auszurufen, dann sind wir endlich so, wie uns die nationalistischen Politiker haben möchten: zersplittert und leicht zu manipulieren.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 03:18 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/nationalismus-zum-quadrat-auf-in-die-kleinstaaterei-611086

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