Österreich ist eine gespaltene Republik - na und?

Einerseits beklagen kluge Köpfe die Risse in der Gesellschaft. Andererseits wäre Politik ohne Gegensätze sinnlos.

Autorenbild
HEVI Viktor Hermann

Wir hören den Satz nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr: Die Gesellschaft in Großbritannien, den USA, Österreich sei gespalten wie noch nie. Gräben seien zuzuschütten, Brücken zu bauen. Ein Blick hinter die Phrase legt den Inhalt der Worthülse bloß.

Ein Blick auf die Wahlergebnisse in diesen drei Ländern in den vergangenen Jahrzehnten legt offen, dass die meisten Wahlen knapp ausgingen. In den USA und Großbritannien verschleiern besonders raffinierte Wahlsysteme die Tatsache, dass dort zwischen Sieger und Besiegtem meist ein hauchdünner Unterschied liegt. Für Österreich lässt sich das für das Ringen zwischen Rot und Schwarz zumindest bis 1986 belegen, seither haben FPÖ und Grüne unser politisches System in eine Landschaft mit vier Gravitationszentren verwandelt.

Schaut man sich vergangene Wahlkämpfe an, so kann man sich nur wundern, wie "gespalten" die Gesellschaften in aller Welt offenbar immer waren. In Österreich herrschte
vor allem in den 50er- und 60er-Jahren des
20. Jahrhunderts ein Ton bei Wahlkämpfen, der heutige Auseinandersetzungen geradezu harmlos und zivilisiert erscheinen lässt. In Amerika troff der Hass auf den politischen Gegner bei jeder Kampagne aus Plakaten, Radiospots und Fernsehwerbung. Und bei den Briten muss man sich nur vergegenwärtigen, mit welcher Inbrunst einander Thatcher-Konservative und Labour-Anhänger verabscheuten und sich gegenseitig als "Abschaum" bezeichneten.

Genau genommen ist es ja gerade die Zuspitzung der Gegensätze zwischen verschiedenen Interessengruppen, die Überzeichnung der gegenseitigen Abneigung, die in jedem Wahlkampf die Anhänger der jeweiligen Seite mobilisiert. Also ist diese Spaltung vielleicht nicht so schlimm und das Problem liegt woanders.

Es könnte ja sein, dass wir uns auch und gerade in der Politik zu sehr auf Höflichkeit und den zivilisierten Umgangston verlassen und dann bass erstaunt sind, wenn der politische Gegner so richtig vom Leder zieht. Es könnte ja sein, dass wir einfach verlernt haben, harte und pointierte, aber im Ton gemäßigte Diskussionen zu führen, weshalb dann jede Auseinandersetzung gleich einmal in wüste Verunglimpfungen ausartet.

Vielleicht haben wir am Wahlabend schon einen Schritt in die richtige Richtung erlebt. Norbert Hofer, Heinz-Christian Strache und Herbert Kickl haben erstaunlich bald ihre Niederlage eingestanden und wortident darauf hingewiesen, dass man in der Demokratie den Wahlsieg des Gegners anerkennen müsse. Das klang irgendwie einstudiert, lässt aber vermuten, dass die FPÖ-Spitze bei dieser Wahl etwas Wichtiges gelernt hat. Dafür kann man schon ein bisschen Spaltung aushalten.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 01:33 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/oesterreich-ist-eine-gespaltene-republik-na-und-819097

Schlagzeilen