"Postfaktisch", Teil 3: Vergesslich oder einfach verlogen?

Im Wahlkampf wurde das Erinnerungsvermögen thematisiert. Wer hat nun das schlechtere Gedächtnis?

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HEVI | Politik und Gesellschat Viktor Hermann

In diesem Präsidentschaftswahlkampf ist schon alles gesagt. Nicht nur ein oder zwei Mal. Zwischen dem ersten Wahlgang und dem (hoffentlich) endgültigen, entscheidenden Wahltag am Sonntag liegen Monate, in denen alle Argumente für den einen und gegen den anderen (und umgekehrt) bis zum Erbrechen durchgekaut wurden. Bleibt nur noch, sich den einen oder anderen Happen aus den diversen Diskussionen herauszugreifen.

Ein Kritikpunkt, den der freiheitliche Kandidat Norbert Hofer dem Grünen Alexander Van der Bellen immer wieder unter die Nase gerieben hat, ist dessen angebliche "Vergesslichkeit". Hofer und sein Lager versuchen damit den Eindruck zu erwecken, Van der Bellen sei einfach zu alt für das Amt in der Hofburg. Beweis: Van der Bellen könne sich nicht einmal mehr erinnern, ob er im Jahr 1978 (also vor knapp vier Jahrzehnten) bei der Volksabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf für oder gegen die Kernenergie gestimmt habe.

Nun, das ist tatsächlich peinlich. Ich weiß noch ganz genau, wie mein Stimmzettel damals aussah. Ich weiß auch, wie viele angeblich kluge Leute damals entgegen ihrer Überzeugung gegen Zwentendorf stimmten, weil sie glaubten, damit den Bundeskanzler Bruno Kreisky zum Rücktritt zu bewegen. Also wirklich, Herr Van der Bellen, das war doch wichtig!

Andererseits muss man den blauen Kandidaten schon auch auf seine Gedächtnisleistung abklopfen, wenn er das Erinnerungsvermögen schon für so wichtig hält. Norbert Hofer in einem Interview mit der "Presse" am 8. Juli 2016: "Ich bin nicht für den Austritt aus der Europäischen Union. Ich ärgere mich jetzt seit Tagen, dass mir das unterstellt wird." Und dann erklärt er, dass lediglich ein Beitritt der Türkei ein Grund für eine Volksabstimmung über unsere EU-Mitgliedschaft wäre.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der Abgeordnete Norbert Hofer, damals Umweltsprecher seiner Partei, laut einer Aussendung des freiheitlichen Parlamentsklubs (3. 11. 2007) Folgendes postuliert: "Um unser Selbstbestimmungsrecht und Freiheit zurückzugewinnen, müssen wir die Ketten der WTO abschütteln. Um aus der WTO austreten zu können, müssen wir zuvor - das ist festgelegt - aus der EU austreten. Genau das müssen wir folglich, soll Österreich wieder als souveräner Staat bezeichnet werden können."

Entweder Norbert Hofer kann sich nicht erinnern, was er als Umweltsprecher seiner Partei gesagt hat. Dann wäre sein Gedächtnis wohl wesentlich schlechter als das seines Opponenten. Oder Hofer tischt uns "postfaktisch" eine platte Lüge auf, wenn er sagt, er sei nie für den Austritt Österreichs aus der EU gewesen.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 03:35 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/postfaktisch-teil-3-vergesslich-oder-einfach-verlogen-842002

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