Olympiasieger, Mitläufer und die Halbgebildeten

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HEVI Viktor Hermann

Je näher die Olympischen Spiele in London heranrücken, desto intensiver die Berichterstattung, desto häufiger taucht wieder einmal ein altes Ärgernis auf: die leidige Unfähigkeit mancher Leute, zwischen Siegern und Mitläufern zu unterscheiden. Im Überschwang nationaler Begeisterung berichten die Medien allenthalben von "unseren Olympioniken", die jetzt bald aufbrechen werden, um die internationale Sportwelt das Fürchten (oder vielleicht doch eher das Lachen) zu lehren.

"Olympionike" leitet sich von der griechischen Siegesgöttin Nike her und meint folglich den, der bei Olympischen Spielen gewonnen hat. Das Wort fiel schon vor Jahren ein paar Halbgebildeten zum Opfer, die meinten, sie wirkten besonders klug, wenn sie ein Fremdwort verwendeten, das gut klingt und deshalb das gemeine Volk beeindruckt. Also machten sie jeden, der schon nur an den Olympischen Spielen teilnimmt, zum "Olympioniken"' weil ja eh dabeisein wichtiger sei als gewinnen.

Der Duden, letzte Instanz für die Sanktionierung sprachlichen Unsinns und die Transformation von klaren Fehlern in den Rang von Regeln, die zu befolgen sind, hat auch diesen Blödsinn mittlerweile akzeptiert. Womit er einen der schwersten Fehler begangen hat, die ein Regelwerk begehen kann: Er hat die Sprache einer eindeutigen Bedeutung beraubt und um eine Zweideutigkeit und damit eine Unklarheit bereichert. Nun könnte man das als lässliche Sünde des Duden-Verlags betrachten, mit der jenen das Leben leichter gemacht werden soll, die es halt nicht besser wissen. Eine gefährliche Dummheit.

Denn jetzt erfüllt das Wort "Olympionike" nicht mehr die Funktion, eindeutig zu sagen, ob wir es mit einem Sieger zu tun haben oder mit einem, der halt auch dabei war. Unklarheit und Verwirrung sind aber die größten Feinde klarer und eindeutiger Kommunikation. Womit sich der Duden zum Helfershelfer jener macht, die ihr Publikum gerne im Unklaren lassen, weil sie selbst gerne im Trüben fischen - und sei es auch nur in trüber und ungenauer Sprache.

Wollte man das einreißen lassen, dann hätte man es auch auf die Fußball-Europameisterschaft übertragen können. Dann wäre jedes Nationalteam, das an der EM teilgenommen hat, ob Vorrunde oder Endrunde in Polen und der Ukraine, als "Europameister" zu bezeichnen. Dann könnten sich nicht nur die Spanier einen wohlverdienten Titel an die Brust heften, sondern auch alle anderen Nationalteams - selbst die Österreicher. So betrachtet ist es schade, dass wir für den Sieger der Europameisterschaft kein schönes altgriechisches Wort kennen, das wir zu unseren Gunsten missbrauchen können.



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