"Postfaktisch", Teil 2: Weit jenseits von Wahrheit und Tatsachen

Religionen, Ideologien und Politiker begeistern sich an einer Welt, in der Fakten nicht zählen und Wahrheiten beliebig sind.

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HEVI Viktor Hermann

Manchmal hat man als Autor einfach Glück. Als die Hevi-Kolumne vergangene Woche über die Seuche des "Postfaktischen" geschrieben wurde, konnte niemand wissen, dass ausgerechnet am Tag ihres Erscheinens exakt dieses Wort zum "Wort des Jahres" gekürt werden würde. Dabei hätte man in diesem Fall den Begriff genauso gut auch zum "Unwort des Jahres" wählen können.

Genau genommen ist bei der Übersetzung vom englischen Original ins Deutsche ein
Fehler passiert. Ursprünglich war die Rede
von "post-truth", also jenseits der Wahrheit, nicht jenseits der Fakten. "Wahrheit" ist ja ein weitaus subjektiverer Begriff als "Fakten". Denn Fakten sind objektiv überprüfbar, doch jeder baut sich aus denselben Fakten seine eigene Wahrheit. Jenseits von Fakten tummelt sich alles, was eher an Gefühle appelliert und fordert, an sehr subjektive Wahrheiten zu glauben.

Ob einer Tote zum Leben erweckt, Wasser in Wein verwandelt oder Amerika wieder großartig und Österreich "ausländerfrei" macht - das alles bewegt sich im Bereich jenseits überprüfbarer Tatsachen und findet dennoch Anhänger und Follower in geradezu erstaunlichen Massen. Ideologien sind ebenso wie Religionen im Bereich weit jenseits von Fakten unterwegs. Sie wollen die Arbeiterklasse, das Bürgertum, die "Volksgemeinschaft", den sprichwörtlichen "kleinen Mann", die "Fleißigen und Anständigen" oder Bruder Baum beschützen und fördern und basteln sich dazu unter Vernachlässigung der Wirklichkeit eine eigene "postfaktische" Welt.

Dabei werden immer wieder wahre Perlen der Verblendung und der Irreführung offenbar. Da hat doch kürzlich der blaue Präsidentschaftskandidat erklärt, er wolle Österreich von seinen bisherigen Verbündeten und Alliierten im Westen lösen und näher an die Großmacht Russland als einen wichtigen Partner heranführen. Norbert Hofer erklärte im selben Interview, dass man die Annäherung an die Türkei dringend überdenken müsse, denn unter dem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sei die Türkei auf dem Weg in die Diktatur.

Da hat der Mann völlig recht. Das türkische Regime verfolgt die Opposition, sperrt Kurden ein, weil sie Kurden sind, knebelt die Pressefreiheit und degradiert das Parlament zur Kammer jener, die Erdoğans Pläne immer nur abnicken dürfen.

Freilich scheint die Wahl Hofers für Österreichs künftigen großen Freund etwas seltsam. Denn in Putins Russland wird die Opposition unterdrückt, das Parlament ist eine Jasager-Maschine und die Pressefreiheit wird geknebelt. Putins Russland ist nicht auf dem Weg zur Diktatur, sondern längst dort angelangt.

Aufgerufen am 21.11.2018 um 09:41 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/postfaktisch-teil-2-weit-jenseits-von-wahrheit-und-tatsachen-862387

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