Sagt nicht "postfaktisch", sagt lieber "verlogen"

Neue Wortschöpfung zur Verschleierung einer Grausligkeit. Vom Ende der Tatsachen und der Wahrheit.

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HEVI | Politik und Gesellschat Viktor Hermann

Nicht nur Donald Trump arbeitete in seinem Wahlkampf mit Halbwahrheiten, Verdrehungen und platten Lügen. Das tun auch Politiker in Europa mit zunehmender Lust am Schwindeln. Kluge Köpfe haben dem neuen schlampigen Umgang mit den Tatsachen einen neuen Namen gegeben: Wir lebten in einem "postfaktischen" Zeitalter, da komme es nicht mehr so sehr auf den Wahrheitsgehalt einer Behauptung an, sondern darauf, welche Gefühle das Publikum hege.

Das klingt wunderbar harmlos. Genauso, wie man seinerzeit die Massenentlassungen in maroden Industriebetrieben (meist wegen hanebüchenen Missmanagements) als "Freisetzungen" schöngeredet hat; der wirtschaftliche Stillstand hieß plötzlich "Nullwachstum" und Lohnkürzungen waren auf einmal "Anpassungen an die wirtschaftliche Lage". Klingt alles harmlos, tut aber weh. "Postfaktisch" erinnert als Wort ein wenig an "postmodern", jene Kunstrichtung, die die Moderne weiterentwickelt hat. Freilich entwickelt in der "postfaktischen" Zeit niemand die Fakten weiter, sondern man ignoriert sie, verdreht sie bis zur Unkenntlichkeit oder verkehrt sie gar ins glatte Gegenteil.

Ein Beispiel: Wenn irgendwo in Österreich ein Supermarkt ausgeraubt wird, dann gibt es eindeutige Fakten. Die Angestellten wurden mit dem Räuber konfrontiert, es gibt sogar eine Personenbeschreibung, man kann den Hergang der Tat schildern, die Polizei kann die Fahndung nach den Tätern aufnehmen. Wenn aber der Parteichef einer ausländerfeindlichen Partei auf seiner Facebook-Seite behauptet, ein ganz bestimmter Supermarkt sei von Flüchtlingen geplündert worden, und dann der Geschäftsführer des Supermarkts, die Angestellten und schließlich auch die Polizei feststellen, dass dieser Vorfall niemals stattgefunden hat, dann liegt der Verdacht nahe, dass der Parteiführer ganz offensichtlich einen Anfall von "postfaktischer" Verwirrung erlitten hat. Mit anderen Worten: Er hat gelogen.

Es ist bemerkenswert, dass das "postfaktische" Syndrom vorwiegend rechtspopulistische Politiker und ihre Anhänger befällt. Bei manchen Behauptungen fragt man sich, was so jemand, der gerade wieder einmal "postfaktischen" Unsinn verzapft, gerade getrunken, geraucht, geschnupft oder gespritzt hat.

Der seltsame Umgang mit der Wahrheit hat längst den Bereich der Gefühlswelt verlassen und ist zu einem gezielten Lügengebäude geworden, mit dem gewisse Politiker Stimmungen und Ängste erzeugen, die zu vertreiben,
sie dann im Wahlkampf versprechen. Und hinterher verbreiten sie einfach die Lüge, das Problem sei dank des heldenhaften Einsatzes des "postfaktischen" Politikers schon gelöst.

Aufgerufen am 13.11.2018 um 08:01 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/sagt-nicht-postfaktisch-sagt-lieber-verlogen-883045

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