Welche "Heimat" meint denn der Kandidat Norbert Hofer?

Im Rennen um den Platz in der Hofburg setzen die Kandidaten auf viel Gefühl. Dabei spielt einer mit gezinkten Karten.

Autorenbild
HEVI Viktor Hermann

Wahlkampf ist die Zeit verdichteten Unsinns, der Aussagen ohne größeren Wahrheitsgehalt und der Emotionalisierung. Der Grüne Alexander Van der Bellen fasst tief in den Topf der Gefühle, indem er auf das Schlagwort Heimat setzt - neben dem Appell an die Wählerschaft, doch die Vernunft sprechen zu lassen und die Berechenbarkeit zu wählen. Es muss wohl irgendwo eine Umfrage geben, die dem Wahlkampfteam Norbert Hofers zeigt, dass das Wort "Heimat" derzeit besonders gut zieht. Und schon dreht man ein Video, das ebenfalls auf diesen schwer von Gefühl besetzten Begriff zielt.

Freilich muss man dem Kandidaten da ein paar Fragen stellen. Welche Heimat meint er denn? Die Republik Österreich, die zuerst nach dem Ersten Weltkrieg als Restbestand eines einstigen Großreichs übrig blieb und dann nach dem Zweiten Weltkrieg nach dem furchtbaren "Anschluss" an Nazideutschland wiedererstand? Oder meint er etwas ganz anderes?
 Norbert Hofer ist Ehrenmitglied der deutschnationalen Burschenschaft Marko-Germania, die die Idee einer österreichischen Nation strikt ablehnt und noch immer von einem großen Deutschland träumt, das selbstverständlich nicht an der Grenze bei Freilassing endet. Explizit lehnt die Burschenschaft die "geschichtswidrige Fiktion einer österreichischen Nation ab". Hofer ist nicht als Schüler oder Student in diese obskur deutschnationale Gruppe hineingeraten, sondern im zarten Alter von 42 Jahren als Ehrenmitglied dort aufgenommen worden.

Nun darf man annehmen, dass die Marko-Germania nicht Leute aufnimmt, schon gar nicht ehrenhalber, die sich nicht zu den Prinzipien der Burschenschaft bekennen. Folglich muss man annehmen, dass Hofer die "geschichtswidrige Fiktion einer österreichischen Nation" ebenfalls ablehnt. Was, so fragt sich der besorgte österreichische Staatsbürger, versteht also dieser Präsidentschaftskandidat unter "Heimat"? Und warum bewirbt sich jemand, der wenigstens implizit die Existenz der österreichischen Nation nicht nur infrage stellt, sondern ablehnt, darum, der Bundespräsident eines Landes zu werden, das diese österreichische Nation umfasst?

Anhänger der FPÖ weisen Türken, die in Österreich leben und lebhaft Anteil nehmen an der türkischen Innenpolitik, darauf hin, dass sie das doch besser in der Türkei tun mögen. Vielleicht kommt noch einer von diesen FPÖ-Anhängern auf die Idee, dass der deutschnationale Ehrenburschenschafter Norbert Hofer sich doch lieber nicht für den Job in der Hofburg zu Wien bewerben möge, sondern für jenen im Schloss Bellevue in Berlin. Dort sucht man gerade nach einem Nachfolger.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 02:46 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/welche-heimat-meint-denn-der-kandidat-norbert-hofer-1090105

Schlagzeilen