Wer nichts weiß, muss jeden Unsinn glauben

Der blaue Hang zur Verschwörungstheorie hat schon Suchtcharakter. Wer solche Visionen hat, braucht sicher einen Arzt.

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HEVI | Politik und Gesellschat Viktor Hermann

Man hätte doch glatt drauf wetten können: Die FPÖ legt sich gegen die Verschiebung der Stichwahl quer, weil sie gegen die Briefwahl ist. Da weithin bekannt ist, dass Briefwähler eher jenen politischen Lagern zuneigen, die nicht mit der Freiheitlichen Partei identisch sind, ist das durchaus verständlich.

Freilich müsste es den Herren Strache und Hofer klar sein, dass eine Abschaffung der Briefwahl für einen Teil der heurigen Präsidentschaftswahl ungefähr so vernünftig wäre wie ein Schuss ins eigene Knie. Denn eine solche Stichwahl müsste ja von allen, denen es tatsächlich oder angeblich um die Demokratie geht, sofort angefochten werden - ganz unabhängig davon, wer die Wahl gewonnen hätte. Man kann nämlich nicht mitten im Fluss die Pferde wechseln und trotzdem behaupten, bei der Wiederholung der Stichwahl hätten die gleichen Bedingungen geherrscht wie beim ersten Versuch.

Da passen die wilden Gerüchte gut dazu,
mit denen diese beiden Herren jetzt schon
den Grundstein für künftige Legenden legen. Von einer bösen Verschwörung von SPÖ, ÖVP, Grünen und Neos ist da die Rede, die mit der Verschiebung der Wahl die Freiheitlichen ausbooten wollten. Na servas, wenn das nicht abstrus ist!

Wenn SPÖ und ÖVP zu einer Verschwörung fähig wären (also dazu, gemeinsam ein strategisches Ziel effizient zu verfolgen), dann hätten sie vermutlich in den vergangenen Jahren der Koalition nicht eine so erbärmliche Performance hingelegt. Dann hätte die rot-schwarze Koalition die guten Umfragewerte und nicht die Krawallpolitiker.

Im Gedankengebäude von Leuten, die mehrfach Anfragen wegen der schlichtweg erfundenen Gefahr sogenannter Chemtrails (chemisches Zeugs, das angeblich die Amerikaner versprühen, um sich die Welt untertan zu machen) im Parlament einbringt, hat vermutlich jeder Unsinn Platz, selbst eine Weltverschwörung gegen die FPÖ.

Es ist halt so: Der Kopf ist zunächst einmal ein Hohlraum, in den das Gehirn eingelagert ist, das von dort aus die Funktionen des Körpers und des Geistes steuert. Je hohler der Kopf bleibt, desto größer die Bereitschaft, sich Verschwörerisches zusammenzureimen. Diese Neigung wächst mit der Unfähigkeit, auch nur in Betracht zu ziehen, dass ein anderer eine Wahl gewinnen könnte.

In den Augen der Herren Strache und Hofer braucht es also schon eine böswillige Verschwörung, um den einen von der Hofburg und den anderen vom Kanzleramt fernzuhalten. Mal sehen, was den beiden noch einfällt in den Wochen und Monaten bis zum zweiten Anlauf zur Wiederholung der Stichwahl.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 03:41 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/wer-nichts-weiss-muss-jeden-unsinn-glauben-1066645

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