Ehrenrettung für die ewige Zweite

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Meine Heldin Josef Bruckmoser

Die Wirkung der Bibel über die Jahrtausende ist dort am stärksten, wo sie sich nicht um historische Daten und Fakten kümmert, sondern einen Mythos erzählt. Zum Beispiel jenen vom Paradies und der Vertreibung daraus, von Adam und Eva und vom "Sündenfall". Dieser Mythos zieht sich wie ein roter Faden der Geschlechter-Apartheid durch die Geschichte.

Denn, so sagt es der Mythos, Eva war die Zweite. Und sie war die Verführerin. Das war für eine patriarchal geprägte Welt Grund genug, ihr den schwarzen Peter zuzuspielen. Denn für den zweiten, den genauen, den differenzierenden Blick hat es jahrtausendelang nicht gereicht. Der hätte zum Beispiel erkannt, dass Eva absolut auf Augenhöhe mit Adam stand. Sagte er doch, "das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch". Gleiches Bein, gleiches Fleisch, gleiches Bewusstsein, gleiche Intelligenz, gleiche Menschenwürde - auch so kann man die Bibel lesen. Frauenfreundlich statt diskriminierend. Sogar der Griff zum Apfel spricht mindestens genauso gegen Adam wie gegen Eva. Der Herr der Schöpfung hätte nur Manns genug sein müssen, um Nein zu sagen. Es wird Zeit, die Bibel auch als Buch der Heldinnen zu lesen. Diese Ehrenrettung für Eva und andere kommt ohnehin viel zu spät.

Aufgerufen am 17.10.2019 um 02:49 auf https://www.sn.at/kolumne/meine-heldin/ehrenrettung-fuer-die-ewige-zweite-67592371

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