Sie ließ sich nichts sagen

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Meine Heldin Anneliese Moser

Meine Uroma stellte mit ihrer Art das Frauenbild des 20. Jahrhunderts auf den Kopf. Frauen wie sie haben für Frauen wie mich den Weg zur Gleichberechtigung geebnet.

Ich bewundere sie für ihre außergewöhnliche Unabhängigkeit. Eigenwillig war sie bis zum Gehtnichtmehr. Gewählt hat sie, was ihr gepasst hat, was mein Uropa natürlich nie erfahren hat. Von ihrem Mann ließ sie sich prinzipiell nichts sagen und kam auch nach seinem Tod gut zurecht. Wir haben es aufgegeben, ihr neue Schuhe zu kaufen, die löchrigen aus dem Jahr 1980 zog sie allen vor. Offen für Neues war sie trotzdem. Jeden Sonntag schaute sie sich eine Sendung auf Slowenisch an. Verstanden hat sie kein Wort.

Beim Fernsehen hat sie immer gestrickt. Den Socken, an dem sie gearbeitet hat, als sie einen Herzinfarkt hatte, habe ich geerbt. Ich will weitermachen, wo sie in ihrem Leben begonnen hat. Außer beim Socken. Beim Stricken hat meine Heldin mit mir die Nerven verloren.

Aufgerufen am 19.10.2020 um 06:28 auf https://www.sn.at/kolumne/meine-heldin/sie-liess-sich-nichts-sagen-66483070

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