Den Österreichern fehlt bei der Tournee der positive Zugang

Der Spirit im ÖSV-Team ist gut, das Selbstvertrauen aber am Boden. Jetzt braucht es die Ruhe von Trainer Heinz Kuttin und keine Hauruck-Aktionen.

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Punktlandung Thomas Morgenstern
ÖSV-Cheftrainer Heinz Kuttin ist jetzt gefordert.  SN/GEPA pictures
ÖSV-Cheftrainer Heinz Kuttin ist jetzt gefordert.

Was war das nur für ein verkorkster Wettkampf für unsere Springer? In Garmisch-Partenkirchen ist so gut wie alles danebengegangen. Vom ersten Trainingssprung bis hin zum Wettkampf konnte kein Österreicher das richtige Gefühl aufbauen und dadurch Selbstvertrauen tanken. Ich habe mir ehrlich gesagt mehr erwartet, auch weil das Team vor Weihnachten auf dieser Schanze zwei Tage lang trainiert hat und mir danach viel positives Feedback gegeben hat.

Doch bei dieser Tournee fehlt irgendwie die Freiheit im Kopf. Es fehlt der positive Zugang, dabei ist der Spirit in der Mannschaft gar nicht schlecht. Ich denke, dass derzeit zu viel über die Materialschiene und zu wenig über das Körpergefühl probiert wird. Alle Athleten haben sich für die Tournee in Sachen Material aufmagaziniert und viele Sprunganzüge getestet. Besser wäre jetzt allerdings, diesen Neujahrstag abzuhaken und sich von diesem Ergebnis nicht verrückt machen zu lassen. Es gibt ja auch positive Aspekte: Gregor Schlierenzauer etwa hat wieder einen Schritt nach vorn gemacht. Und bei Stefan Kraft war sein 31. Platz definitiv ein Ausrutscher auf einer extrem schwierig zu springenden Schanze, die ich auch selbst nie wirklich mochte. Er hat das Skispringen von heute auf morgen bestimmt nicht verlernt, immerhin war er vor wenigen Tagen in Oberstdorf noch Halbzeit-Führender und hat Platz vier geholt.

Dass er allein die ÖSV-Fahnen hochhalten muss, hat offenbar viel Energie gekostet. Die Nummer eins im Team zu sein kann dich pushen, wie bei der WM in Lahti, als Stefan Doppelweltmeister wurde. Bei der Tournee aber scheint es ihn zu hemmen. Dazu hat er
in dieser Saison schon einige Rückschläge einstecken müssen. Oft hatte Stefan Pech
mit den Bedingungen, dann hat sich dazwischen wieder ein schlechter Sprung eingeschlichen und plötzlich fängst du an zu grübeln.

Ich kenne Heinz Kuttin sehr gut und habe viele Jahre unter ihm trainiert. Deshalb bin
ich überzeugt, dass er der richtige Mann dafür ist, diese schwierige Situation zu meisten. Er strahlt eine irrsinnige Ruhe aus, ist auch nicht der Typ für Hauruck-Aktionen. Was es jetzt auf keinen Fall braucht, ist jemand, der das Rad neu erfinden will. Heinz wird die Mannschaft zusammenklauben und wieder ein positives Gefühl hineinbringen. Dazu stehen jetzt zwei Heimspringen in Innsbruck und Bischofshofen an mit vielen rot-weiß-roten Fans. Das sollte allen im ÖSV-Team Rückenwind, oder im Skispringen besser gesagt Aufwind verleihen.


Thomas Morgenstern (31) ist dreifacher Olympiasieger, achtfacher Weltmeister, zweifacher Gewinner des Gesamtweltcups und Tourneesieger. Nach seinem Karriereende 2014 gibt er in seiner Kolumne "Punktlandung" Einblicke in das Skispringen.

Aufgerufen am 24.04.2018 um 06:45 auf https://www.sn.at/kolumne/punktlandung/den-oesterreichern-fehlt-bei-der-tournee-der-positive-zugang-22456771

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