Es beginnt: Das Jahr des Lachens

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Purgertorium Alexander Purger

Eines lässt sich für das neue Jahr relativ gefahrlos vorhersagen: Es wird auch heuer wieder jede Menge Anlässe für Glossen und Satiren geben. Aber was ist eigentlich eine Glosse?

"Eine Glosse ist eine Erörterung, Beobachtung, Erwägung oder man kann auch sagen: zwanglose Meditation, leichtfüßige Untersuchung, gleitende Betrachtung, kurz ein blödes Geschwätz über ein sogenanntes aktuelles Thema." So definierte sie einer, der es wissen musste, nämlich Egon Friedell.

Und was ist eine Satire? "Ein satirischer Autor sagt und behauptet das Falsche, damit die Leser und Leute über das Richtige nachdenken." So definierte sie einer, der es ebenfalls wissen musste, nämlich Herbert Rosendorfer.

Und Heimito von Doderer, der so ziemlich alles wusste, schrieb: "Karikatur und Satire sind die billigste Art, sich von einem Objekt zu distanzieren. Man stößt es zurück, statt dass man es konsumiert. Denn es bekommt nicht."

Die Satire beschäftigt sich also mit Unbekömmlichem. Über das Bekömmliche und Wunderbare - etwa die öster rei chi sche Bundesregierung - würde nie jemand eine Satire schreiben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Satire weit geht, oft zu weit. Auf dem Höhepunkt von Irlands Knechtung durch England verfasste der Ire Jonathan Swift eine Flugschrift mit dem Titel "Bescheidener Vorschlag im Sinne von Nationalökonomen, wie Kinder armer Leute zum Wohle des Staates am Besten benutzt werden können". Darin empfahl er den Engländern, die Massen an hungernden irischen Kindern doch zu Kinderfleisch zu verarbeiten und geschmort, gebraten, gebacken oder gekocht mit Karfiol zu verspeisen.

Das ging weit, zu weit. Aber Swift soll durch diese gnadenlose Übertreibung mehr Engländer zum Umdenken gebracht haben, was den Umgang mit Irland betraf, als es jede seriöse Denkschrift geschafft hätte. Auch er behauptete das Falsche, damit die Leser über das Richtige nachdachten.

Das Lachen bleibt einem bei einer solchen Satire klarerweise im Halse stecken. Aber Schicksal und Humor liegen mitunter eng beisammen. Nikolaus Harnoncourt sagte, man könne das Leitmotiv der Fünften Beethovens, der Schicksalssymphonie, auch als Lachen verstehen. Statt des Ta-ta-ta-taaa, mit dem nach gängiger Deutung das Schicksal unerbittlich ans Tor pocht, könnte man also auch ein Ha-ha-ha-haaa hören. Ein homerisches Gelächter.

Homer erfand es mit dieser Szene: Hephaistos, der lahme, bucklige Gott der Schmiedekunst, war mit Aphrodite, der wunderschönen Göttin der Liebe, verheiratet. Die Ehe verlief mäßig glücklich, denn Hephaistos wurmisierte zumeist in seiner Schmiede herum. Eines Tages erwischte er seine Frau bei einem Seitensprung mit Ares, dem herrlichen Kriegsgott. Von heiligem Zorn gepackt warf Hephaistos über die beiden ein selbst geschmiedetes Netz, sodass sie sich nicht mehr von ihrem Lager erheben konnten. Dann rief er den Rest der olympischen Belegschaft herbei, und
als die versammelten Götter das bewegungsunfähige Liebespaar in seiner verfänglichen Lage erblickten, brachen sie in lautes Gelächter aus.

Dabei schwang Spott über das ertappte Liebespaar mit, aber auch Schadenfreude über den gehörnten Ehemann. Also insgesamt ein verständnisinniges Lachen über die ewigen Schwächen des Menschen, selbst wenn er ein Gott ist. Homerisches Gelächter eben.

Bei den Sterblichen unten auf der Erde kam das Lachen übrigens als Donner an. Beim nächsten Gewitter können wir uns also denken: Jetzt lachen die da oben wieder darüber, was wir da herunten so alles treiben.

Vielleicht können wir dann sogar mitlachen. Wäre kein schlechter Neujahrsvorsatz für 2017, jedenfalls.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 06:00 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/es-beginnt-das-jahr-des-lachens-552331

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