Fensterln beim Herrn Bundespräsidenten

Amtseinführungen gehen nach einem urzeitlichen Ritus vor sich. Es ginge auch anders.

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Purgertorium Alexander Purger

Paraden, Schnaps und Blasmusik - Wenn sich Österreich am Donnerstag anschickt, seinen neuen Bundespräsidenten hochleben zu lassen, wird es sehr traditionell zugehen. Man könnte sogar sagen: urzeitlich.

Denn der Verhaltensbiologe Irenäus Eibl-
Eibesfeldt beschreibt in einem seiner Bücher, dass Staatsakte in der Frühzeit der Menschheit ganz genau so abliefen wie heute. Herausgefunden hat er dies durch die Beobachtung von sogenannten primitiven Stämmen und ihren jahrtausendealten Traditionen.

Demnach bestehen offizielle Feiern seit jeher aus zwei Elementen - aus aggressiver Selbstdarstellung und freundlicher Beschwichtigung. Die urzeitlichen Stämme tanzten in schwerer Kriegsbemalung und schwangen drohend die Speere, um ihre Macht zu zeigen. Gleichzeitig ließen sie kleine Mädchen Palmwedel schwenken und Köstlichkeiten verteilen, um ihre Friedlichkeit zu demonstrieren.

Genau so wird am Donnerstag Alexander Van der Bellen angelobt. Es gibt Blumen, Schnaps und lustige Musik. Gleichzeitig marschiert das Bundesheer auf und spielt seine Märsche. Nur den Überflug der Eurofighter scheint sich Van der Bellen verbeten zu haben. Dazu werden Tausende Hände geschüttelt werden (was laut Eibl-Eibesfeldt übrigens nichts anderes als ein verkapptes Kräftemessen ist).

Eine ganz andere Art der Amtseinführung war kürzlich im Wiener Konzerthaus zu erleben. Zufällig wenige Tage vor Professor Van der Bellens Angelobung wurde dort am Wochenende eine Kantate aufgeführt, die Johann Sebastian Bach im Jahre 1726 zur Amtseinführung des neuen Leipziger Jus-Professors Gottlieb Kortte komponiert hatte.

Laut Programmheft war es damals üblich, dass ein neuer Professor von einer Gratulantenschar begrüßt wurde, die buchstäblich mit Pauken und Trompeten zur Wohnung des zu Ehrenden zog und ihm unter dem Fenster ein Ständchen und Loblied darbrachte.

In Bachs Kantate für Kortte heißt es etwa: "Kortte lebe, Kortte blühe!" Die personifizierte Ehre singt, den neuen Professor zart zu gebührendem Fleiß ermahnend: "Benetzt des Schweißes Tau die Glieder, / so fällt er in die Muschel nieder, / wo er der Ehre Perlen zeugt." Und der ganze Chor singt abschließend:

"Den mein Lorbeer unterstützt,

der mir selbst im Schoße sitzt,

der durch mich stets höher steigt,

der die Herzen zu sich neigt,

muss in ungezählten Jahren

stets geehrt in Segen steh'n

und zwar wohl der Neider Scharen,

aber nicht der Feinde seh'n."
Was hiermit auch unter dem Fenster des neuen Bundespräsidenten gesungen sei.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 11:14 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/fensterln-beim-herrn-bundespraesidenten-501130

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