K-Punkt, Kitzbühel, Kassasturz

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Purgertorium Alexander Purger

Wann haben Sie das letzte Mal etwas vom bösen Innenski gehört? Oder von der Mausefalle? Oder vom K-Punkt? Es muss Monate her sein, denn jetzt ist nicht die Zeit für Wintersport-Begriffe. Umgekehrt hört man winters selten etwas von Abseitsfallen, Roten Karten und Doppel-Zweiern ohne Steuermann (außer es ist zufällig gerade von der Großen Koalition die Rede).

Nicht nur Kleidungsstücke, Nahrungsmittel und Reisedestinationen haben also Saisonen, in denen sie gefragt sind, und dann wieder Zeitspannen, in denen - geschlechtsneutral formuliert - kein Geflügel nach ihnen kräht. Sondern auch Worte. Aus einer Liste der am häufigsten verwendeten Wörter könnte man geradezu auf die Jahreszeit schließen, in der man sich befindet. In der Politik ist das genauso. Auch da gibt es Begriffe, die in einer bestimmten Phase der Legislaturperiode in aller Munde, in einer anderen hingegen tabu sind.

Ein Beispiel dafür ist das Wort Steuererhöhung. Man könnte einen Politiker derzeit auf eine glühende Herdplatte setzen - niemals würde ihm jetzt, im laufenden Wahlkampf, dieses Wort über die Lippen kommen. Die Politiker wissen nicht einmal, was es bedeuten soll. Steuererhöhung? Nie gehört.

Mit Ablauf des Wahltages wird sich das schlagartig ändern. Dann wird das Wort Steuererhöhung plötzlich in aller Politikermunde sein und im Verein mit den Begriffen Kassasturz und explodierendes Budgetdefizit die Koalitionsverhandlungen dominieren.

Dem gleichen Konjunkturzyklus unterliegt das Wort Pensionsreform. Jetzt im Wahlkampf ist es ungefähr so häufig wie der Begriff Elfmeterpfiff am Gröden-Wochenende. Jeder halbwegs bei Trost befindliche Politiker macht um das Wort derzeit einen Bogen von der Größe der Ciaslat-Wiese. Nach geschlagener Wahl wird das Wort Pensionsreform hingegen die Häufigkeit des Begriffs Steilhang-Ausfahrt am Kitzbühel-Wochenende erreichen, und das im Hausbergkanten-Tempo.

Um kurz zusammenzufassen: Aktuell höchst in Mode sind die Begriffe Steuersenkung (möglichst in Verbindung mit einem zweistelligen Milliardenbetrag), Entlastung, Bürokratieabbau, Verantwortung für das Land, soziale Wärme und konstruktives Arbeiten. Wer es schaffen würde, für jede Verwendung eines dieser Begriffe einen Cent zu bekommen (sozusagen als Floskel-Abgabe), hätte finanziell bis weit in die dritte Generation ausgesorgt.

Völlig unmodern sind momentan hingegen Ausdrücke wie Belastungswelle oder Sparpaket. Man wird sie bis zum Herbst ebenso vergeblich suchen wie Kippstangentechnik, Verfolgungsrennen oder Ganslernhang.

Der 15. Oktober markiert dann eine Zeitenwende, im politischen Sinn wie auch die Worte betreffend. Ab diesem Tag werden lange nicht gehörte Aus drücke wie Regierungsübereinkommen, Ressorttausch, Dreierkoalition und - besonders schön - Sondierungsgespräche an Bedeutung gewinnen.

Überhaupt gibt es verbale Solitäre, die nur ganz selten auftauchen. In den vergangenen Tagen durften wir beispielsweise das Wort Kriterienkatalog bestaunen. Ein Neuankömmling im öffentlichen Diskurs ist auch das schillernde, ein wenig an Super G erinnernde Wort Wunder-Basti. Dafür ist Django aus dem Wortschatz verschwunden.

Noch unklar ist, wie es mit dem Begriff Große Koalition weitergeht. Die meisten Österreicher sind damit aufgewachsen wie mit Fangriemen, Córdoba oder Abfahrtsnation Nummer 1. Alles das ist passé. Bei der Großen Koalition sieht es auch danach aus, als wäre sie bald ein Fall für das Wortemuseum. Aber womöglich segelt sie am 15. Oktober überraschend bis zum K-Punkt hinunter. Man kann nie wissen.

Aufgerufen am 18.10.2018 um 01:30 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/k-punkt-kitzbuehel-kassasturz-12344539

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