Politisches Kabarett mit Hannes Androsch, leider real

Frage zum Nationalfeiertag: Droht Österreich wegen Selbstblockade von der Landkarte zu verschwinden?

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Purgertorium | Innenpolitik Alexander Purger

"Wenn die Schildbürger nach Österreich auf Besuch kommen, halten sie sich vor Lachen den Bauch!" - Hannes Androsch war sichtlich in Form, als er gestern in Wien sein neues Buch "Einspruch" präsentierte. "In Wien haben Anrainer die Versetzung eines Parkverbotsschildes beantragt, um eine unübersichtliche Hauseinfahrt zu entschärfen", erzählte der Industrielle und Ex-Vizekanzler. "Es kam eine Kommission von zehn Mann hoch, darunter Vertreter von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer. Jetzt frage ich Sie: Was geht das Wirtschafts- und Arbeiterkammer an?"

Der Untertitel von Androschs Buch lautet "Der Zustand der Republik und wie sie noch zu retten ist". Co-Autor ist der frühere Rechnungshofpräsident Josef Moser, und was die beiden als Befund ausbreiteten, klang recht lustig. Androsch: "Wenn man in der Schweiz den Zubau zu einer Betriebsanlage beantragt, kommen zwei Beamte. Beim gleichen Anlass in Oberlech kommen 17! Aber Oberlech ist ja auch eine Dienstreise wert . . ."

Da wollte auch Moser nicht zurückstehen und gab eine Schnurre zum Besten: Es gebe in Österreich 216 Organisationseinheiten für Forschungsförderung und 136 verschiedene Forschungsprogramme. Da sich da niemand mehr auskenne, würden jetzt eigene Beratungsstellen gegründet, die als Wegweiser durch diesen Dschungel dienen sollen.

Ein weiterer Lachschlager: die Medizinerausbildung. Österreich bilde reihenweise Deutsche und Schweizer zu Ärzten aus, die nach absolviertem Gratis-Medizinstudium (Kosten für den Staat: 400.000 Euro) Österreich wieder verlassen. "Das ist ein gutes Geschäft", sagte Androsch. "Für Deutschland und die Schweiz."

Man müsste, ergänzte Moser, Geld investieren, um die österreichischen Spitäler als Arbeitgeber so attraktiv zu machen, dass die Deutschen und Schweizer nach dem Studium in Österreich bleiben. "Aber was geschieht? Man nimmt das Geld und baut dafür in Linz eine fünfte Medizin-Uni!"

Doch warum ändert sich nichts in Österreich? Alles erstarre, sagte Androsch. Grillparzers Befund über die alte Monarchie, die "auf halben Wegen und zu halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft gestrebt" habe, klinge geradezu dynamisch im Vergleich zu heute.

In einem "pawlowschen Abwehrreflex" blockiere jeder alles. "Das ist wie das berühmte ,Liberum Veto' im 17. Jahrhundert in Polen", sagte Androsch. Damals konnte jeder einzelne polnische Adelige mit seinem Veto jeden Beschluss des Parlaments im Alleingang blockieren. Der Effekt war, dass Polen politisch handlungsunfähig war, drei Mal geteilt wurde und für Jahrhunderte von der Landkarte verschwand. Ende des Kabaretts.

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