Zwischen Wolf und Ziegenbock

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Purgertorium Alexander Purger

Früher war es einfach. Da heiratete man in der Kirche und auf dem Standesamt. Dann aber kristallisierte sich die Mode heraus, die Hochzeit zu einem Iwent auszugestalten. Seither heiratet man auf hoher See, an einem Fallschirm baumelnd oder auf Bergesgipfeln. Wagemutige Taucherpaare geben einander sogar in der Tiefsee das Ja-Wort, also eigentlich den Ja-Blubber.

Seit Neuestem erstreckt sich das Iwent-Fieber nicht nur auf Hochzeiten, sondern auch auf Beerdigungen. Man kann sich jetzt schon im eigenen Garten oder auf Weingütern betrauern lassen. Eine Agentur bietet sogar Trauerfeiern im Wiener Rapid-Stadion ab. Wobei sich der verblichene Rapid-Fan aussuchen kann, ob er lieber auf der Zuschauer tribüne oder direkt neben dem Spielfeld in der sogenannten Coaching-Zone verabschiedet werden möchte. Wobei nicht ganz klar ist, was der Rapid-Trainer da noch viel zu coachen hätte. Schließlich ist es doch relativ egal,
ob das Himmelstor nach dem 4-4-2- oder dem 4-3-3-System gestürmt wird, oder?

Jedenfalls sind Iwent-Beerdigungen buchstäblich der letzte Schrei. Womit sich die Frage stellt, ob Kanzler Chris tian Kern mit seiner Regierungskrise
vor zwei Wochen vielleicht auch eine solche Iwent-Bestattung der rot-schwarzen Koalition im Sinn hatte.

Man kann ja Koalitionen platzen lassen, indem man sich wie weiland Wilhelm Molterer hinstellt und schlicht sagt: "Es reicht." Das ist die Standard-Zeremonie. Quasi Fichtensarg.

Man kann das Ganze aber auch aufs Prächtigste inszenieren - mit Ultimaten, dramatischen Nachtsitzungen, scheinbaren Einigungen, dann plötzlich wieder auftauchenden, unübersteiglichen Hindernissen. Am Ende ist der Patient Große Koalition glücklich unter der Erde und an einem Fallschirm baumelnd schwebt der Neuwahltermin herab. Das nennt man einen Iwent.

Wie bekannt, hat es aber nicht so stattgefunden, sondern die Koalition lebt noch oder tut zumindest so. Offensichtlich hat sie ihre natürliche Lebenserwartung noch nicht erreicht. Woran sich die Frage schließt, wie alt die Große Koalition eigentlich ist. In Weitra würde man das vermutlich so beantworten: Ziegenbock oder Wolf.

Das muss man vielleicht erklären. Weitra ist eine Stadt im niederösterreichischen Waldviertel. Auf dem Hauptplatz steht ein prächtiges Haus aus der Renaissance mit reichen Sgraffito-Verzierungen. Unter anderem zeigen die Bilder den Menschen in seinen Lebensphasen und vergleichen jede Dekade mit einem Tier. Das geht so:

Mit zehn Jahren ist der Mensch ein Ziegenbock, mit 20 Jahren ein Kalb, mit 30 Jahren ein Ochse, mit 40 Jahren ein Löwe, mit 50 Jahren ein Fuchs, mit 60 Jahren ein Wolf, mit 70 Jahren ein Hund, mit 80 Jahren eine Katze und mit 90 Jahren ein Esel. Mit 100 Jahren schließlich ist der Mensch eine Gans. So zeigt es das Sgraffitohaus in Weitra.

Die Große Koalition ist nun einerseits zehn Jahre alt, da sie Anfang 2007 (niemand könnte diesen glückseligen Termin je vergessen!) wieder erstanden ist. So gesehen ist sie ein Ziegenbock - jung, ungelenk, ungestüm.

Andererseits könnte man sagen, die Große Koalition sei 54 Jahre alt, denn seit 1945 wurde die Republik so viele Jahre von einer Koalition aus ÖVP und SPÖ regiert. So gesehen befindet sich die Große Koalition gerade zwischen Fuchs und Wolf. Und da der Fuchs der Inbegriff von Schlauheit ist, wird man vielleicht eher auf den Wolf tippen.

Manche werden nun sagen, die rot-schwarze Koalition müsse 70 bis 80 sein, da SPÖ und ÖVP doch wie Hund und Katz miteinander umgehen. Mag sein. Ins Zeitalter der Eselei ist unsere Regierung jedenfalls noch nicht eingetreten. Gans sicher nicht.

Aufgerufen am 20.11.2018 um 09:33 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/zwischen-wolf-und-ziegenbock-380413

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