Die Heimat ist kein Ort

Gedanken über ein schwer fassbares und überaus wirksames Modewort.

Querschläger | Alltagsleben in Salzburg SN

Der Begriff Heimat hat gerade wieder einmal Hochkonjunktur, aber was ist das eigentlich genau - Heimat? Mich begleitet diese Frage schon sehr lange. Ich habe vor zehn Jahren zwanzig Lieder für ein Doppelalbum namens "hoamat | welt" geschrieben und dabei festgestellt, dass dieser Begriff eigentlich nicht fassbar ist. Es ist paradox: Je näher man ihm kommt, desto unschärfer wird er. Am Anfang scheint alles klar zu sein: Die Heimat ist ein gewisser geographischer Bereich, in dem man geboren wurde und/oder lebt und/oder sich zuhause fühlt, und/oder . . .? Aber handelt es
sich dabei um einen Ortsteil, eine Gemeinde, eine Landschaft, einen Staat, einen Kontinent? Wo sind die Grenzen dieser Heimat?

Je öfter ich in den letzten Jahren mit den verschiedensten Menschen über dieses Thema sprach, desto mehr schälten sich die gängigen Heimatdefinitionen wie Zwiebelschalen ab, bis am Ende die Erkenntnis übrigblieb, dass "die Heimat" gar kein Ort ist, sondern viel mehr die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit. Jeder bastelt sich aus Erinnerungen an Kindheit, Jugend und seine "besten Jahre" eine überschaubare Heimatwelt der Sicherheit und Geborgenheit, die in dieser Form nie existiert hat.

Und da sich viele dieser Erinnerungen und Sehnsüchte überschneiden und von Medien, Wirtschaft und Politik aus purem Eigeninteresse benutzt und verstärkt werden, hat sich ein Bild der Heimat verfestigt, das eigentlich ein Trugbild ist.

Die Wirklichkeit kann mit diesem emotional besetzten Idealbild nie Schritt halten und deshalb ist es eines der wirksamsten Werkzeuge der Manipulation. Das sollte einem klar sein, wenn man damit wieder einmal - aus welchen Motiven auch immer - zugezuckert wird.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 08:11 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/die-heimat-ist-kein-ort-900919

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