Von großen Wogen und großer Flaute

Über verblüffende Unterschiede bei der Bewertung von Gesetzesübertretungen.

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Querschläger Fritz Messner

Selten gehen die emotionalen Wogen an unseren analogen und virtuellen Stammtischen höher als bei Missbrauch im Sozialbereich, egal wie marginal er sein mag. Da fordert man die volle Härte des Gesetzes und unsere Regierung segelt gerne auf dieser Empörungswelle mit und verspricht laufend Verschärfungen. Auch ich bin selbstverständlich der Meinung, dass Gesetze einzuhalten sind, und zwar alle.

Wenn nämlich die Parteien derselben Regierung selbst gegen ein Gesetz verstoßen, indem sie die erlaubten Wahlkampfkosten um fast 100 Prozent überschreiten, stellt der Vizekanzler lediglich fest, dass dann halt das Gesetz geändert gehöre. So einfach ist das also. Auch bei den Stammtischlern bleiben die Wellen ganz niedrig, obwohl sich jeder nicht völlig naive Bürger ausmalen kann, dass die Großspender ihr Geld durch Klientelpolitik auf die eine oder andere Art mit sattem Bonus vom Staat - also vom Steuerzahler - zurückbekommen wollen und werden - oder schon haben.

Die ganz große Entrüstungsflaute herrscht aber, wenn Aktienanleger mit Hilfe von Banken Staaten in Europa um sagenhafte 55 Milliarden Euro betrügen. Das ist so viel Geld, dass man damit Koffer mit jeweils 100.000 Euro füllen und hintereinander aufstellen könnte - von Salzburg bis kurz vor Wien. Und die Reaktion? Völlige Windstille bei den notorischen Empörungsakrobaten und kein Sterbenswörtchen von unserer der EU vorsitzenden Regierung samt omnipräsentem Kanzler mit stromlinienförmigen Lösungen für sonst eh alle Probleme dieser Welt.

Was mögen sich die Abkassierer dieser Milliarden denken? Wahrscheinlich: Solange sich die Kleinen da unten gegeneinander ausspielen lassen, haben wir freie Bahn. Wie traurig und erbärmlich.

Aufgerufen am 17.12.2018 um 03:37 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/von-grossen-wogen-und-grosser-flaute-60007462

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