Weil in dem System nix weitergeht

Muss wirklich jede zweite Generation selbst auf die Herdplatte greifen, um zu lernen?

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Querschläger Fritz Messner

Neulich habe ich mit einem Freund telefoniert, der seit über zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebt. Er ist schockiert darüber, wie radikal sich sein neuer Lebensmittelpunkt innerhalb kürzester Zeit verändert hat und wie ein unberechenbarer Egozentriker die Säulen der Demokratie scheinbar mühelos aushöhlt und die Verlierer eines Wirtschaftssystems, zu dessen großen Unterstützern und Gewinnern er zählt, gegen ein Establishment aufhetzt, dem er selbst angehört.

Was wird passieren, wenn sich auf lange Sicht seine großmäuligen Ansagen, riesige Summen in Wirtschaft, Verteidigung und Infrastruktur zu pumpen und gleichzeitig die Steuern zu senken, als bloße populistische Lügen erweisen?

Wie werden die aufgeputschten Anhänger reagieren und was wird er dann anzetteln, um sie bei der Stange zu halten? Was meinen Freund schier zur Weißglut bringt, ist, dass ihm daheim im idyllischen Lungau wohlstandsverwöhnte alte Bekannte sagen, dass sie das alles gut fänden, weil "da endlich einmal einer das umsetzt, was er versprochen hat, und dass wir eigentlich auch so einen bräuchten, weil in dem System nix weitergeht".

Dieses System ist die parlamentarische Demokratie, die uns in Europa siebzig Jahre Frieden beschert hat, und das Gegenkonzept ist der Nationalismus, der den Kontinent schon zwei Mal in den Abgrund riss. "Aber so schlimm wird das schon nicht werden", sagen die meisten dann. Ich empfehle dazu, Zeitungskommentare aus den 1930er-Jahren zu googeln, als nach einer Wirtschaftskrise die Demokratie dem Nationalismus geopfert wurde, weil "nix weiterging". Es ist verblüffend und erschreckend zugleich, wie ähnlich die Beschwichtigungen der duldenden Mehrheit von damals klingen.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 01:38 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/weil-in-dem-system-nix-weitergeht-389185

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