Russland im Kriegstaumel

Wer ein paar Tage lang russisches Fernsehen sieht, glaubt tatsächlich, die Welt habe sich gegen Moskau verschworen.

Scholls Welt SN

Ein Foto von US-Präsident Barack Obama und daneben eines des Anführers der Mördertruppe "Islamischer Staat". Dazwischen die Schrift: "Sie sind einander ebenbürtig." Darunter steht dann, beide strebten nach der Weltherrschaft, beide gingen über Leichen, beide hielten sich an keine Regeln. Und Obama unterstütze - natürlich - die Faschisten in der Ukraine.

Eine halbe Stunde lang sendete der renommierte russische Fernsehsender NTV am vergangenen Sonntagabend einen Beitrag über Barack Obama und warum er ein ebensolcher Verbrecher sei wie die Anführer des so genannten Islamischen Staats.

Damit nicht genug der Gehirnwäsche für Russlands Fernsehzuschauer: Tags zuvor hatte man sogar die seinerzeit berühmt-berüchtigte Geistheilerin Dschuna aus der Pension zurückgeholt. Sie erklärte medienwirksam, warum sie den früheren ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko nicht hatte heilen wollen, obwohl man sie darum gebeten hatte. Juschtschenko sei ein Verräter gewesen und sie sei nicht bereit, einen Verräter zu behandeln. Im Übrigen, so versicherte die Dame vollmundig, sei sie Patriotin und bereit, für ihre Heimat zu sterben.

Seit sechs Monaten wird das russische Fernsehpublikum Tag und Nacht durch derlei Desinformationen verdummt. Und wer sich nicht der völligen Verdummung ergibt, der bekommt die Macht hautnah zu spüren.

Beispiel dafür ist eine der russischen Soldatenmütter. Ljudmila Bogatenkowa, 73 Jahre alt, wurde zwei Tage lang im Gefängnis festgehalten. Angeblich war ihr Betrug vorzuwerfen. Tatsächlich aber war sie eine der Ersten, die vom Tod russischer Soldaten in der Ostukraine berichteten. Die Soldatenmütter hatten die Namen von 400 getöteten russischen Soldaten gesammelt, die bei Gefechten im Donbass-Gebiet gefallen sind, obwohl das offizielle Moskau da noch vehement leugnete, dass russische Soldaten in der Ostukraine kämpften. Danach gab es die verschiedensten, aber alle gleichermaßen absurden Erklärungen für die Anwesenheit der russischen Soldaten in der Ostukraine. Sie hätten sich verirrt, hieß es, oder auch, sie seien auf Urlaub in die Ostukraine gefahren, um ihren "Brüdern und Schwestern" zu Hilfe zu kommen.

Was Russland an Propaganda einsetzt, um den Krieg mit der Ukraine zu erklären und zu rechtfertigen, scheint auf den ersten Blick ein bisschen lächerlich und auf jeden Fall ziemlich übertrieben. Und doch entbehrt dieses Vorgehen nicht einer gewissen Logik. Die wirtschaftliche Entwicklung wird mit dem Verfall des Ölpreises und den Sanktionen immer schwieriger. Die Krim kostet mehr, als vorhergesagt wurde. Die Sorge, dass die Menschen das alles irgendwann einmal doch nicht mehr gutheißen könnten, ist groß. Also muss die Propagandamaschine weiterlaufen.

Aufgerufen am 13.11.2018 um 05:54 auf https://www.sn.at/kolumne/scholls-welt/russland-im-kriegstaumel-3077425

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