Faule Ausreden helfen nicht

Warum Adam angeblich nichts dafür konnte und Eva auch nicht. Und warum ihre Ausrede schon damals nicht getragen hat und heute erst recht nicht trägt.

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Lesung aus dem Buch Genesis, Kapitel 3, Verse 9-15

Nachdem Adam von der Frucht des Baumes gegessen hatte, rief Gott, der Herr, ihm zu und sprach: Wo bist du?

Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.

Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?

Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen.

Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich gegessen.

Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.

Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.



Die besten Ausrede hatte unlängst ein Wiener Geschäftsmann, der eine grüne Abgeordnete unflätig per SMS sexuell belästigt hat. Er behauptete, jemand anderer hätte sich Zugang zu seinem Computer verschafft und die inkriminierte SMS abgeschickt. Das ist so ungefähr die dümmste Ausrede, die einem einfallen kann. Und die gemeinste noch dazu. Denn die Frau hat nun einen Klage wegen übler Nachrede am Hals mit der Begründung des Geschäftsmanns: Sie habe ihn öffentlich beschuldigt, sie per SMS sexuell belästigt zu haben. Nur, sorry, er sei das ganz sicher nicht gewesen. Es war dieser ihm unbekannte böse Mensch, der sich über seinen Computer hergemacht habe.

Das Verhängnisvolle daran ist, dass der Geschäftsmann gute Chancen hat, diesen Ehrenbeleidigungsprozess auch noch zu gewinnen. Zumindest das hat im Paradies noch nicht funktioniert. Denn in der Osternachtfeier der katholischen Kirche ist bis heute von der "seligen Schuld Adams" die Rede. Und nicht von der "seligen Schuld der Schlange". Zur Verführung gehören immer zwei: die oder der, die verführen, und die oder der, die dieser Verführung nachgeben. Und das waren nun eindeutig Eva und in letzter Konsequenz - und auch Verantwortung - Adam.

In der Tradition ist freilich Adam unverdient gut weggekommen. Das hat weniger mit den Fakten - es wäre schließlich an ihm gelegen, nein zu sagen - zu tun als viel mehr mit dem jeweils vorherrschenden patriarchalen Weltbild. Da hat es einfach besser hineingepasst, dass Eva die - Verführerin war. Die Frau eben, wer sonst. Gewiss, die Verheißung der Schlange, "ihre werdet sein wie Gott", war sehr, sehr verlockend. Denn so nett das Leben im Paradies war - irgendetwas fehlte. Und sei es nur die Fähigkeit gewesen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Oder zwischen nackt und nicht nackt. Es fehlte im Paradies dieser gewisse Kick, dass eine Entscheidung auch Konsequenzen haben konnte. Und nicht ein Tag wie der andere war. Schön und sorglos, ja. Aber in gewisser Weise auch fad und ereignislos.

Vielleicht war genau das die eigentliche Versuchung von Adam und Eva: Dass ihre Entscheidungen endlich Konsequenzen haben sollten. Maßgeblich, solche, die man spürte. Und zu spüren bekam, wie sich leider herausstellen sollte. Von nun an, so hieß es, solle der Mann sein Brot im Schweiße seines Angesichts erwerben und die Frau ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Gut und Böse erkennen und entscheiden können "wie Gott" - das war hinter der Entscheidung von Adam und Eva gestanden, von der verbotenen Frucht zu essen. Die Aussicht, so wirkmächtig zu werden "wie Gott", war schlicht und einfach zu verlockend gewesen. Über sein Leben selbst zu entscheiden und zu herrschen, diese verführerische Sehnsucht steckte von Anfang an im Menschen drinnen. Wir erleben das heute tagtäglich in dem teils sehr wertvollen, teils aber auch ohne Rücksicht auf Verluste vorangetriebenen wissenschaftlichen Fortschritt. Die Biomedizin ist drauf und dran, zu werden "wie Gott" und die Erschaffung des Menschen in die eigene Hand zu nehmen.

Ausreden helfen dann nicht mehr, wenn der Geist aus der Flasche gelassen ist und uns vielleicht alles über den Kopf wächst. Wer die Folgenabschätzung seines Forschens außer Acht lässt - so wie Adam und Eva die von Gott angedrohten Folgen ihres Tuns außer Acht gelassen haben - begibt sich in eine Grauzone, in der die Grenzen nur mehr schwer erkennbar und einzuschätzen sind. Niemand wird dann mehr sagen können, "die Schlage war's". Wer mit dem Leben experimentiert, so wie Adam und Eva mit ihrem paradiesischen Leben experimentiert haben -, muss gewahr sein, dass das allen Verheißungen der Wissenschaft zum Trotz ganz schwer daneben gehen kann.

Die Geschichte von Adam und Eva ist ein Mythos. Die Genesis ist kein naturwissenschaftliches und kein historisches Buch. Aber die Stärke eines Mythos ist, dass er eine tiefe Wahrheit erzählt. Der Mensch sollte sich nicht einbilden, zu sein "wie Gott". Das ist im Paradies schief gegangen und das geht auch heute schief.

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Aufgerufen am 23.09.2018 um 08:47 auf https://www.sn.at/kolumne/sonntagsflyer/faule-ausreden-helfen-nicht-28978744