Die Not der Christdemokraten mit Franziskus

In Ungarn hadern "christliche" Politiker mit ihrem Pontifex. Aber nicht nur dort ist die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit groß.

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Zeitzeichen Josef Bruckmoser

Ungarns Christdemokraten unterstützen den Kurs von Regierungschef Viktor Orbán zur Abweisung von Flüchtlingen voll und ganz. Das betonte der christdemokratische Fraktionschef Péter Harrach in einem Interview für das Budapester Literaturportal "Gondola".

Die christlich-demokratische Volkspartei (KDNP) ist der kleine Koalitionspartner des von Orbán geführten Ungarischen Bürgerbundes Fidesz. KDNP-Parteichef Zsolt Semjén ist Vizeministerpräsident, der 69-jährige Harrach, ein Theologe, gilt als "graue Eminenz" der Partei. In dem Interview ging Harrach auf Distanz zu Franziskus: Ungarn sei "natürlich nicht sehr glücklich" über die Linie des Papstes in der Flüchtlingsfrage.

Die diesbezügliche "besondere Sensibilität" des argentinischen Pontifex lasse sich "aus seinem Vorleben" erklären, so Harrach. "Er war lange Zeit in Südamerika Seelsorger. Dort steht eben jeder anständige Hirte an der Seite der Ausgebeuteten - wegen der großen gesellschaftlichen Unterschiede und wegen des Elends. Dazu kommt, dass er ein Jesuit ist, der nicht den Kampf, sondern den Dialog und die Zusammenarbeit für seine Aufgabe hält." Die Tätigkeit des Hirten und des Politikers seinen jedoch unterschiedlich, sagte Harrach. Ein Hirte müsse sich mit den leidenden Menschen identifizieren, ein Politiker müsse seine Heimat verteidigen.

Mit diesem Erklärungsmuster stehlen sich nicht nur "christliche" Politiker in Ungarn aus ihrer Verantwortung. Es ist auch in Bayern und Österreich geläufig.

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