Jetzt hat Rom ein wohlwollendes Auge auf Wien

Zwei Jahrzehnte lang haben die Päpste mit Argusaugen auf Österreich geschaut. Jetzt könnte eine andere, neue Stunde schlagen.

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Zeitzeichen Josef Bruckmoser

Es ist - gottlob - beinahe schon vergessen. Aber die letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren für die katholische Kirche in Österreich kein Honiglecken. 1986 wurde Hans Hermann Groër zum Erzbischof von Wien ernannt, 1987 folgte Kurt Krenn als Weihbischof. Der Haussegen hing schief. Rom wollte die Wende in Österreich und hat letztendlich ein Desaster angerichtet.

Umso erfreulicher ist, dass sich das Klima unter Kardinal Christoph Schönborn aufgehellt hat.
Er hatte schon zu Benedikt XVI. - von Theologieprofessor zu Theologieprofessor - einen guten Draht. Und diese wohlwollende Beziehung zwischen Rom und Wien hat sich unter Papst Franziskus weiter gefestigt.

In kirchlichen Kreisen in Wien pfeifen es die Spatzen vom Dach des Stephansdoms, dass Franziskus den Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz lieber heute als morgen in Rom installieren möchte: als Präfekten der Glaubenskongregation.

In dieses zentrale Amt an der Römischen Kurie hatte noch Benedikt XVI. den Deutschen Gerhard Ludwig Müller gehievt. Unter Papst Franziskus ist Kardinal Müller zum Bollwerk jener mächtigen Kreise an der Kurie geworden, die jeden franziskanischen Reformansatz im Keime zu ersticken trachten - und überzeugt sind, dass sie diesen nicht mehr jungen Papst schon noch aussitzen werden . . .

Franziskus würde den konservativen Hardliner allzu gern auf einen deutschen Bischofssitz wegloben und Christoph Schönborn an die Spitze der Glaubenskongregation berufen. Das Haupthindernis scheint dabei zu sein, dass Bischofssitze wie etwa Mainz, die eines Kardinals "würdig" wären, sich keineswegs um Müller reißen.

Aber vielleicht sind es gar nicht die Hardliner, die den Papst aussitzen. Wie schon oft könnte Franziskus wieder einmal alle durch einen Coup überraschen. Das wäre dann die Stunde Schönborns.


Aufgerufen am 18.11.2018 um 06:57 auf https://www.sn.at/kolumne/zeitzeichen/jetzt-hat-rom-ein-wohlwollendes-auge-auf-wien-965230

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