Der Albtraum vom Rückzug des Weltpolizisten USA

Donald Trump weckte in vielen die Hoffnung, die USA zögen sich aus der Welt zurück. Dabei ist das kein Anlass zur Freude.

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Zorn und Zweifel | internationale Politik und Gesellschaft Viktor Hermann

Der gewählte Präsident der USA, Donald Trump, hat während des Wahlkampfs viel versprochen, unter anderem, er werde dafür sorgen, dass die USA nicht mehr die Rechnung für die Sicherheit Europas, Südkoreas oder irgendeiner anderen Region der Welt bezahlten. Schon unmittelbar nach seinem für viele überraschenden Wahlsieg reagierten ausgerechnet jene, die den Mann monatelang kritisiert und attackiert hatten, mit geradezu verblüffender Begeisterung: So manche linke Tageszeitung träumt in ersten Kommentaren davon, dass mit Trump im Weißen Haus der Weltpolizist USA sich in den Ruhestand verabschieden werde.

Diese Mischung aus politischer Inkonsequenz (der verhasste Donald Trump wird plötzlich zur weltpolitischen Hoffnungsfigur hochstilisiert) und weltpolitischer Unbedarftheit erstaunt einen schon. Denn man müsste sich nur einmal vorstellen, wie die Welt aussehen würde, hätte es diesen Weltpolizisten nicht gegeben.

Man muss sich nur jene Krisenherde anschauen, für die sich die USA nicht verantwortlich fühlten. In Ruanda wurde 1994 in einem ethnisch motivierten Bürgerkrieg rund eine Million Menschen massakriert - und die Weltgemeinschaft hat nichts dagegen getan.

Hätten sich die USA nicht in den Bosnien-Krieg eingemischt, würde vermutlich gerade der letzte Bosnier den vorletzten umbringen, während die europäischen Mächte noch damit beschäftigt wären, in der 97. Gesprächsrunde darüber zu befinden, mit welcher der Kriegsparteien man als Nächstes verhandeln solle. Hätten die USA nicht im Kosovo-Konflikt eingegriffen, würden heute womöglich die letzten Kosovaren in serbischen Konzentrationslagern dahinvegetieren. Und hätte der Weltpolizist USA sich nicht 1991 zur Vertreibung der irakischen Truppen aus Kuwait entschlossen, wäre Kuwait heute eine irakische Provinz und womöglich ganz Saudi-Arabien dazu - und Saddam Hussein säße auf 40 Prozent der Welterdölreserven und könnte den Ölpreis nach Gutdünken diktieren.

Entzieht Washington seinen Verbündeten seine militärische Unterstützung, könnte sich Wladimir Putin leicht die baltischen Staaten zurück in sein Reich holen, der irre Diktator in Nordkorea könnte Südkorea straflos überfallen und China würde Taiwan mit Gewalt an sich reißen.

Nicht dass der Weltpolizist nicht auch viel Unsinn getrieben hätte. Man denke nur an den Irak nach Saddam Husseins Sturz. Doch auch schon das Ausmaß der syrischen Katastrophe rührt viel mehr davon, dass sich die USA zu wenig eingemischt haben.

Wer also hofft, dass die USA ihre Rolle als Weltpolizist "endlich" aufgeben mögen, muss sich darüber klar werden, dass die Welt dann nicht sicherer wird, sondern viel, viel unsicherer, als sie das jetzt ist.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 11:54 auf https://www.sn.at/kolumne/zorn-und-zweifel/der-albtraum-vom-rueckzug-des-weltpolizisten-usa-888973

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