Überirdische Hilfe und der wahnwitzige Rand der Gesellschaft

Die Kreativität mancher Leute im Wahlkampf ist bestechend. Die fokussierte Unintelligenz greift wieder rasant um sich.

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Zorn und Zweifel Viktor Hermann

Jetzt beginnt also der Kampf um die Stimmen für den Einzug in die Hofburg wieder einmal. Mit der Präsentation der Wahlplakate hat man bereits begonnen. Da ja im dritten Anlauf eh schon jeder weiß, wen er wählen will, geht es ja nur noch darum, dass sich möglichst viele Menschen am 4. Dezember auch zur Wahlurne hinschleppen, auch wenn ihnen das Theater schon weit zum Hals heraushängt.

Der "unabhängige" grüne Kandidat Alexander Van der Bellen hat seine Plakate noch nicht präsentiert. Wir können aber trotzdem drauf setzen, dass es um Heimat, Europa, Zukunft gehen wird.

Der andere, Norbert Hofer, lädt das ganz große Kaliber. Denn er will Bundespräsident werden, mit dem Spruch: "So wahr mir Gott helfe." Eine starke Ansage. Es schaut so aus, als traue der blaue Kandidat der Kraft seiner Wähler nicht, sondern wolle sich überirdischer Unterstützung versichern, indem er sich von ganz oben ins Amt hieven lassen will.

Wenn wir uns nun daran erinnern, dass die Funktion des Bundespräsidenten ja einmal erfunden wurde, um nach dem Ende der Monarchie so etwas wie einen demokratisch legitimierten Ersatzkaiser zu installieren; wenn wir uns erinnern, dass die Habsburger doch tatsächlich geglaubt haben, sie seien "von Gottes Gnaden" als Monarchen eingesetzt, ja dann sollten wir uns warm anziehen nach dem 4. Dezember. Wer weiß, wie sehr wir uns wundern werden, "was alles möglich ist", gell, Herr Hofer.

Hofer hat kürzlich das Wort vom "Narrensaum" verwendet, um wild gewordene Hassposter zu beschreiben. Er dürfte nicht gewusst haben, dass der Begriff vom englischen "lunatic fringe" abgeleitet sein dürfte, was so viel bedeutet wie die Wahnwitzigen am ausgefransten Rand der Gesellschaft - oder halt einfach Extremisten.

Dazu zählen unter anderem jene intellektuell herausgeforderten Mitmenschen, die sich in Verschwörungstheorien suhlen, die immer noch glauben, die Erde sei eine Scheibe, die CIA habe HIV und Aids erfunden, die Mondlandung sei in einem Studio in Hollywood gestellt worden und die Amerikaner vergifteten die ganze Welt mit sogenannten Chemtrails, die als Kondensstreifen aus hochfliegenden Düsenflugzeugen strömten.

Apropos Chemtrails. Der Nationalratsabgeordnete Norbert Hofer hat zwei Mal, 2007 und 2013, im Parlament Anfragen an die Regierung bezüglich der Chemtrails gestellt. Ausgerechnet ein Flugzeugtechniker fiel also auf eine der unsinnigsten überirdischen Verschwörungstheorien herein. So sehr, dass er sich selbst in aller Öffentlichkeit bloßstellte.

Na ja, da hat sich eben ein Politiker mit überirdischer Hilfe mitten in den wahnwitzig ausgefransten Rand der Gesellschaft hineinkatapultiert.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 06:59 auf https://www.sn.at/kolumne/zorn-und-zweifel/ueberirdische-hilfe-und-der-wahnwitzige-rand-der-gesellschaft-946078

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