Der Realitätssinn des wütenden Kandidaten nach dem Duell

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen auf betrogene Ehefrauen werfen. Und nicht Umfragen erfinden.

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Zorn und Zweifel Viktor Hermann

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat sich im Rennen ums Weiße Haus in der jüngsten TV-Debatte nobel zurückgehalten. Das zumindest sagte der Multimilliardär, nachdem er in den meisten Umfragen nach der Auseinandersetzung mit der früheren Außenministerin Hillary Clinton als Verlierer der Debatte bezeichnet worden war.

Er habe geplant, Hillary Clinton voll anzugreifen wegen der Affären ihres Ehemannes Bill Clinton und der Rolle, die Hillary dabei gespielt habe. Er habe das aber nicht tun wollen, weil die Tochter der Clintons im Saal gewesen sei - und er habe die junge Frau vor der Blamage beschützen wollen.

Verblüffend, impliziert dies doch einerseits, dass Chelsea Clinton bisher nichts von den außerehelichen Affären ihres Vaters gewusst habe, wiewohl diese über Jahre hinweg Gegenstand der peinlichsten öffentlichen Erörterung gewesen sind, inklusive eines gescheiterten Amtsenthebungsverfahrens. Andererseits könnte man meinen, dass die Rolle von Hillary Clinton als betrogene Ehefrau ja nicht besonders viel hergeben könnte, um sie jetzt politisch zu attackieren. Denn die betrogene Ehefrau, selbst wenn sie die Geliebte ihres Mannes mit Zorn verfolgt, dürfte eher die Sympathien der meisten Frauen in den USA genießen.

Und drittens, sollte Trump wirklich eine derartige Attacke reiten, käme das wohl dem berühmten Steinwurf aus dem Glashaus heraus gleich. Denn Donald Trump ist bereits zum dritten Mal verheiratet. Und man darf annehmen, dass ein Mann wie er, mit seinem Macho-Gehabe und seiner gar nicht feinen Art, über Frauen zu reden, sich nicht als betrogenes Opfer zum Scheidungsrichter schleppte, sondern ihn die Frauen verließen, weil sie es nicht mehr mit ihm aushielten.

Dazu passt ja auch sein Spruch: "Ich liebe schöne Frauen und schöne Frauen lieben mich." Man möchte dazusetzen: so lange, bis sie ihn verlassen.

Trumps Sinn für die Wirklichkeit dokumentiert sich auch in einem Interview, das er dem rechtslastigen Fernsehsender Fox News gewährte. In diesem Interview darauf angesprochen, dass alle Umfragen nach dem Duell mit Clinton ihn als Verlierer gesehen hätten, stellte Donald Trump fest, dass dies ja gar nicht wahr sei. Denn er habe in den Umfragen bei mehreren TV-Stationen als Sieger abgeschnitten, "zum Beispiel bei äh, äh, äh, bei CBS". Das ist ja erfreulich für Donald Trump. Kleiner Schönheitsfehler: CBS hat nach dem TV-Duell gar keine Umfrage durchgeführt. Aber, wie schon der Late-Night-Talkmaster Stephen Colbert sagte: "Die Tatsache, dass CBS keine Umfrage durchführte, heißt nicht, dass Donald Trump sie nicht gewonnen hat."

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